Die Reise

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Hinhören funktionierte nicht mehr, immer wieder fielen ihm die Augen zu. Er war sowieso nur Eva zuliebe mitgekommen. Auf hellblauen Postern, die zahlreich an den Wänden klebten, stand in grüner Schrift „Endlich richtig leben! Ein Vortrag von Jörg Briggemann“ Dieser Jörg hatte angeblich drei Jahre im Amazonas bei einer noch weitgehend unbekannten Gruppe Wilder gelebt. Bei diesen Zwischenwesen – halb Tier halb Mensch – zu leben, ihre Riten und Traditionen zu lernen, völlig fern ab der modernen Welt, hätte ihn zu einem neuen Menschen gemacht. Zu seiner äußerlichen Anpassung, Entsagung von Kleidung und Besitz, kam noch eine geistige Reinigung, wie er es nannte. Befördert durch den Konsum der dort gängigen Droge, einem süßlich schmeckenden Saft, den man aus kleinen, grünen Blättern presste, kamen Nahtoderfahrungen auf Grund von Mangelernährung und einer Beinah-Blutvergiftung durch entzündete Insektenstiche. Diese einschneidenden Erlebnisse also hatten Jörg Briggemanns Geist von der permanenten Informationsüberflutung und den Zwangsvorstellungen, die einem die Gesellschaft aufzwinge, gereinigt. Während der Erleuchtete auf der kleinen Bühne der Schulsporthalle einer mittelgroßen Stadt im Ruhrgebiet redete und jedem, der wollte, seine physisch fast verheilten und psychisch noch schmerzenden Narben zeigte, kämpfte Jakob gegen das Einschlafen. Plötzlich spürte er einen spitzen Finger in der Seite. Er merkte, wie er seinen Kopf anheben musste, um in das verärgerte Gesicht des zugehörigen Fingers blicken zu können. Eva schüttelte den Kopf und wandte sich wieder dem Vortrag zu. Es war ungewöhnlich warm für die ersten Mai Wochen und die Halle war erfüllt von einer Mischung aus schwitzigen Turnschuhen, verstaubten Vorhängen und dem Duft der Fliederzweige vor den geöffneten Fenstern. Jakob stand vorsichtig auf, drängelte sich an den Menschen vorbei, die in seiner Reihe saßen. Er ging aus der Halle an den Umkleideräumen vorbei. Als er durch den Eingang nach draußen kam, war er für einige Sekunden gelbendet, so hell schien die Sonne am Schulgebäude vorbei in sein Gesicht. Das warme Licht und der Fliederduft entschädigten ihn für die grausame Stunde, die er zuvor auf der unbequemen Holzbank gesessen hatte. Er zündete sich eine Zigarette an, inhalierte alles, was gerade verbrannte tief in seine Lunge und entspannte sich augenblicklich. Er war gern draußen. Schon als Kind hatte er am liebsten im Garten hinter dem Haus Steine zusammen getragen und sie der Größe oder Farbe nach sortiert. Oder er hatte eine Schneckensammlung angelegt. Aber nur die ganz kleinen Schnecken, die man kaum sehen konnte. Vor den großen ekelte er sich. Manchmal fing er an, mit den Ameisen und Spinnen zu reden, die über seine Schneckengehege liefen. Er bat sie nett und höflich, doch einen anderen Weg zu nehmen, aus Rücksicht. Er schämte sich. Was für ein Schwachsinn, mit Tieren reden. Kinder sind dumm, dachte er. Eva durfte das nicht erfahren. Sie fragte ihn ständig nach seiner Kindheit. Hast du Geschwister? Welches Spiel hast du am liebsten gespielt? Was war die schrecklichste bunte Hose, die du tragen musstest? Ja, eine Schwester. Weiß ich nicht mehr. Die waren alle einfarbig. Warum interessierte sie das? So wie er jetzt war, was er gerade jetzt tat und sagte, das war er. Nicht die Person aus seiner Kindheit. Er erinnerte sich ab und zu an vergangene Tage, aber eben so, als würde er sich an eine Geschichte aus einem Buch oder einem Film erinnern. Da war Etwas abgeschnitten, eine Distanz, die er nicht überbrücken konnte, um sich in den Geschichten heimisch zu fühlen. Wie sich alle in ihrer Melancholie einrichten und die Vergangenheit glorifizieren. Verirrten sich diese Menschen nicht ständig? Eva war auch eine von ihnen, aber er war froh, dass sie da war. Sie arbeitete in einem Tierheim im nächsten größeren Ort. Sie hatten sich dort kennen gelernt, als Jakob mit seinem Vater einen Hund holen wollte. Als die beiden durch die grauen Gänge von einem Käfig zum anderen schlenderten, die starren Blicke der einsamen Hunde auf sie gerichtet, kam Eva mit einer großen Tüte Hundefutter aus einer Tür und begrüßte sie fröhlich. Zwischen den schmutzigen Wänden, den metallenen Gittern und kalten Betonböden, wirkte Evas Fröhlichkeit absurd. Als hätte sie jemand aus einem Katalog für Hundefutterwerbung ausgeschnitten und dort rein geklebt. Eine Woche später fuhr Jakob nochmal zum Tierheim und verabredete sich mit Eva. Seitdem waren sie irgendwie zusammen. Und weil sie nun irgendwie ein Paar waren, musste er irgendwie ihre Spiele spielen, auf ihrem Weg mitgehen und sich für die gleichen Dinge interessieren. Deswegen war er mitgekommen. Während er so darüber nachdachte, hatte er sich von der Sporthalle entfernt und war auf dem kleinen Trampelpfad Richtung Wald gegangen. Er würde einen kurzen Spaziergang machen, der Vortrag ging bestimmt noch eine Stunde, entschied er. Hinter der Halle fiel das Gelände leicht ab, man ging auf einem ausgetretenen Pfad bergab auf einen Mischwald zu. Kurz vor Eintritt zwischen die hohen Stämme, begegneten Jakob knie-und hüfthohe Sträucher. Er trug eine alte Jeans, ein dunkelblaues T-Shirt und darüber eine beige, dünne Regenjacke aus Kunststofffaser. Die Zigarettenschachtel mit den Streichhölzern hatte er in der Innentasche auf der rechten Seite verstaut. Er schaute auf seine Uhr, 13:40. Dann nach oben in die Baumkrone einer großen Buche. Da landete gerade ein Falke über ihm auf einem der höchsten Äste. Automatisch nickte er dem Vogel zu und der schien seinen Gruß mit einer schnellen Kopfbewegung zu erwidern. Jakob zuckte mit den Schultern und lies die Luft zwischen seinen Zähne stoßartig ausströmen, um seiner Verwunderung Ausdruck zu verleihen. Dann lief er weiter in den Wald hinein.

Nach einer Weile verlor sich der Pfad, hörte einfach auf und Jakob ging weiter, ohne einen vorgezeichneten Weg, dem er hätte folgen können. Wenn er nach unten sah, breitete sich ein Teppich von dunkelgrünem Moos, braunen Ästen, Farnen und kleinen Pflanzen mit einzelnen weißen Blüten in seinem Gesichtsfeld aus. Er spürte, wie sich sein Herzschlag verlangsamte und einen ruhigen stetigen Takt annahm. Er fühlte sich wohl und merkte nicht, wie sich auf seiner Jacke am Rücken ein großer Riss bildete, als er sich voller Tatendrang zwischen zwei Baumstämmen hindurchzwängte, die aus einer gemeinsamen Wurzel wuchsen. Nach einer Weile bemerkte er in der Ferne ein Gebilde aus Brettern und lief darauf zu. Im Näherkommen sah er, dass es sich um eine kleine Holzhütte handelte. Er ging langsam einmal um den Verschlag herum und sah dann ins Innere. Er kroch hinein und fand, dass er doch genug Platz darin hatte, um sich einmal der Länge nach hinzulegen, nur seine Schuhe guckten noch heraus. Durch die Holzdecke konnte er das Laub blitzen sehen und er kniff die Augen zusammen. Spürte seinen schweren Körper und schlief ein. Er träumte, dass er im Amazonas bei einem uralten Stamm von Wilden lebte. Er trug Armreifen und war am ganzen Körper mit weißer Farbe bemalt, wie die anderen. Er hatte auf einmal ein Gefühl in sich, als hätte alles einen Sinn. Alles, was er tat, war sinnvoll. Er hätte die Bedeutung nicht nennen können, denn er hatte keine Sprache. Niemand sprach jemals ein Wort zum Anderen und doch folgte alles einer eigentümlichen Logik. Die Beziehungen untereinander waren klar geregelt und jeder verstand, was es hieß, wenn man sich für immer miteinander verband oder von jemandem Abschied nehmen musste. Am eindrucksvollsten waren für Jakob, der nun keinen Namen mehr hatte, die Art und Weise, wie er sich mit den anderen durch den Dschungel bewegte. Er kannte fast jede Pflanze, jeden Stein und, wenn er auf ein Tier traf, begrüßten sie sich gegenseitig. Ja, auch das Tier grüßte auf seine Weise, denn sie waren eine Gemeinschaft, die Menschentiere und all die anderen Arten. Es gab keine Kluft, die überbrückt werden musste.

Jäh wachte der träumende Junge auf. Er merkte, dass er ganz nass geschwitzt war und zog seine Jacke aus und auch das T-Shirt, legte beides in eine Ecke der holzigen Behausung und krabbelte heraus. Er atmete tief ein und der Geruch von Leben floss durch seine Nase und füllte ihn wieder auf. Wie er so da stand, die Arme locker neben dem Körper, den Kopf in den Nacken gelegt, bemerkte er nicht, wie zerzaust sein Haar war. Hier und da versteckte sich einzelne Blätter zwischen seinen hellbraunen Strähnen. Er wollte sich waschen und ging los, um einen Bach oder einen See zu finden. Nach einigen Schritten über den belebten Waldboden, bemerkte er etwas rost-rot Farbenes zwischen dem Grün. Er näherte sich und der rote Farbklecks nahm die Form eines Fuchses an. Als der den Jungen sah, blieb er auf der Stelle stehen und blickte ihn an. Auch der Junge blickte direkt in die Fuchsaugen. Das Tier sprach: „Du bist zurückgekehrt, das ist richtig. Aber du wirst dich erklären müssen. Nicht vor den Anderen, sondern vor dir selbst. Machs` gut.„ Und mit einem Satz war er im Dickicht verschwunden. Verwirrt starrte der Junge immer noch auf die Stelle, wo der Fuchs gestanden hatte. Es dauerte nicht lange, da verflog dieses Gefühl des Schwindels und er hatte die innere Sicherheit aus der Zeit im Amazonas wiedergefunden. Erst als er an einem schmalen Bach angelangt war, fiel ihm auf, dass seine Mundwinkel die ganze Zeit über ein Lächeln formten. Er nahm das einfach zur Kenntnis, beugte sich über den Bachlauf und schöpfte mit seinen Händen Wasser in sein Gesicht und auf seine Arme. Er saß noch eine Weile am Bach und lies sich von den Sonnenstrahlen trocknen. Dann schaute er noch ein letztes Mal auf seine Armbanduhr: 13:40. Muss wohl stehen geblieben sein, dachte er, nahm sie ab, legte sie unter einen Stein und ging.

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