Nothing is ok

Eine Hand berührt ihn leicht an seiner rechten Schulter. Langsam macht er die Augen auf. Seine Augenlider fühlen sich an, als würden kleine Bleigewichte mit einer filigranen Sicherheitsnadel daran hängen und sie nach unten ziehen. „Excuse me, are you ok?“ Es dauert einige Sekunden, bis Louis weiß, wo er sich befindet und wer da mit ihm spricht: Im Flugzeug, auf dem Weg zurück nach Deutschland, die Stimme gehört seiner Sitznachbarin. Eine resolut wirkende Frau in den 50ern, sie trägt ein Twin-Set in einem limetten-farbenen Grün. „Yes, yes, everything is ok. Thank you.“ Er fühlt sich matt. Der Schweiß klebt sein Sweatshirt an seinen Rücken und verbindet ihn so mit dem Sitz. Die Frau schaut ihn immer noch fragend an. „I`m fine!“, versichert er ihr und spürt, wie sich sein Magen verkrampft, etwas muss heraus transportiert werden, aber in seinem Magen befindet sich eigentlich Nichts. Außer einem bisschen Magensäure, die er schnell wieder hinunter schluckt. Die Frau reicht ihm ein Taschentuch. Und dann erst merkt er, dass sich seine Oberlippe seltsam feucht anfühlt. Er wischt reflexartig mit dem Taschentuch darüber und sieht das rote, halb fest getrocknete Blut. Sein ganzes Shirt ist voll mit einzelnen dunkelroten Tropfen. Eigentlich ganz schön, denkt er und schämt sich augenblicklich, für seinen unkontrollierten Zustand. Die Anschnallzeichen über ihm leuchten wieder. Der Pilot beginnt mit der Landung.

Die Beine baumelten in der Luft, in der einen Hand die Kamera, die andere fest am Gurt. Äthiopiens saftig grüne Hügel entfernten sich von ihm und wurden zu ausgefransten Farbflächen. Er hätte ewig so in der Luft schweben können. Vor acht Jahren begann sein Vater mit dem Paragliding. Seitdem reisten sie zusammen fast jedes Jahr nach Äthiopien. Die Patenkinder besuchen, sehen wie es mit der Bibliothek vorangeht und Fliegen. An diesem Tag hatte sich auch ein mutiger Bauer aus dem Dorf gemeldet. Er wurde fachmännisch von Jean in den Gurt gesetzt und festgeschnallt. Er war ganz still, seine Augen starr auf Jeans Hände gerichtet. Angst kroch aus jeder Pore seines Körpers, aber auch Entschlossenheit. Zuerst mussten alle ein wenig mithelfen und die beiden, Jean und den Bauern, anschieben. Nach ein paar holprigen Schritten hoben auch sie endlich ab.

Das Foto zeigte Samrawit auf dem Krankenbett. Ein zartes Lächeln wird an den Betrachter gesendet. Ein zerbrechliches Lächeln. Sie liegt auf der Seite, um das operierte Bein nicht zu belasten. Er schaute sich das Bild lange an, bis sie ihm sagte, er solle es wegschmeißen. „Samrawit, i will take it with me. It reminds me of your power. You look so pretty.“, versuchte er sie zu ermuntern. Tage lang hatten er und sein Vater bei der Familie von Samrawit gesessen und vorsichtig versucht, sie von der Operation zu überzeugen. All die vernünftigen Argumente, die logischen Argumente, die die Menschen in seiner Welt ohne großen Widerstand zum Handeln bewegt hätten, galten hier nichts. Hier war Gott der beste und einzige Berater in schwierigen Lebensfragen. Doch bis der sich meldete, wäre Samrawits Zeit abgelaufen und der Krebs metastasierte schon irgendwo anders in ihrem kleinen zerbrechlichen Körper. Dann nach etlichen Diskussionen und schweigsamem Zusammensitzen, meldete sich Samrawits Wille. Sie ließ sich operieren. Jetzt hatte sie nur noch ein Bein, aber mehr Zeit zu leben.

Die Verabschiedung war herzlich. Alle umarmten ihn, drückten ihn an sich, lächelten ihm zu. Sein Vater verabschiedete sich als letzter. Er bleibe noch eine Woche dort. Louis fühlte die leisen, warmen Tränen auf seinen Wangen. Sie hatten vor der Fahrt zum Flughafen noch alle zusammen Schnaps getrunken, ein bisschen zu viel vielleicht. Aber wenigstens spürte er seinen Husten nicht mehr so. Und auch der Trennungsschmerz vibrierte nur dumpf in seiner Brust. Er hasst Verabschiedungen. Von seinem Bruder Paul konnte er sich nicht verabschieden. Niemand konnte das. Der Tod hatte ihn mit sich gerissen, wie die beiläufigen Wellen einer Brandung. Eben liefen die beiden Brüder noch von der Schule zu der Kreuzung, an der ihr Vater auf sie wartete. Und dann, ein kurzer Augenblick, ein Atemzug und Paul war nicht mehr Paul, war nur noch kaputter Körper. Der Vater stand da, hielt ein anderes Kind an der Hand, das er einen Augenblick zuvor davon abhielt, vor das Motorrad zu laufen. Das war vor knapp 10 Jahren. Ein Ereignis, dass in Zukunft alle Handlungen von Louis und Jean bestimmen wird.

Als er in das Flugzeug stieg, dachte er sich, es sei vielleicht prophylaktisch ganz ok., noch eine Tablette zu nehmen. Das Codeine würde verhindern, dass er während der Flugzeit durch seinen Husten irgendjemanden stört und er könnte sich entspannen und ein wenig schlafen. Einschlafen war generell für ihn zu einer Tortur geworden. Mit einer schwungvollen Handbewegung verschwanden die kleinen weißen Pillen in seinem Mund und wurden mit etwas Spucke hinuntergespült.

Er suchte sich seinen Platz und schnallte sich an. Eine Frau in den 50ern saß bereits auf dem Platz neben seinem. So ein saftiges Grün dachte er, als er ihr Twin-Set betrachtete, schwebte schon wieder über den Hügeln und war im nächsten Moment nicht mehr da. Fortgespült von den mitleidlosen Wellen seines Unterbewusstseins.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s