Der Zweifel oder warum ein Leben in Unwissenheit ungefährlicher ist

Es war einmal Einer, der war eigentlich keiner. Man hatte ihn bei der Geburt Hans genannt, aber wenn man ihn fragte: „Wer sind Sie, bitte schön?“, sagte er: „Niemand besonderes.“ Und so war es tatsächlich. Alles an ihm war so gewöhnlich, wie die Schuppen eines Fisches oder das kurze, aber dennoch beschwerliche Leben Drosophilas. Er hatte Haare und ein Gesicht. An seinem Körper befanden sich Arme und ein paar taugliche Beine, die sich in der Verlängerung nach unten hin zu Hand ähnlichen Gebilden formten. Er steckte diese in Schuhe und seine restliche Gestalt in aus Stoff genähte Säcke, in Geschäften als Hemden oder Hosen angepriesen. Er konnte sich in Gesellschaft aufhalten, ohne auffällig zu werden. Man hatte ihm beigebracht wenig aufzufallen, denn zu fallen, bedeute nichts Gutes und etwas bedeuten, wollte man schon gar nicht.

Als er einmal in einem Café damit beschäftigt war, Himbeertorte kauend, mit festem Blick die Fliegen zu zählen, die ihr Leben bedauerlicherweise an einem Honigpapier beenden mussten, welches im Durchgang zwischen Tresen und Küche hing, kam etwas zur Tür herein. Hans war sofort klar, dass es sich hier nicht um eine Person handeln konnte, denn niemand sah auf oder würdigte den neuen Gast auch nur eines flüchtigen Blickes. Leute, die man nicht grüßte, konnten keine Personen seien. Der Fremde näherte sich seinem Tisch und nahm auf dem freien Stuhl gegenüber Platz. Hans starrte ihn an und versuchte dabei ganz erschrocken dreinzuschauen, doch in der Tat, sah er ganz gewöhnlich vor sich hin. Man sprach nichts und nach einer kurzen Weile wurden drei kleine Schächtelchen auf dem Tisch vor ihm ausgelegt. Jetzt staunte er noch gewöhnlicher und musste einen aufkommenden Schrei zurückdrängen. Das gehörte sich nicht! Man hatte dem Anderen immer alle Karten offen auf den Tisch zu legen. Jemandem drei verschlossene, verheimlichte Dinge unter die Nase zu halten, war pure Beleidigung. Jetzt wäre er wirklich beinah aufgestanden, aber ehe er dies zu tun dachte, war die Unperson zur Tür hinaus. Um nicht aufzufallen, steckte er die Schächtelchen schnell in seine Manteltaschen, zahlte und ging heim.

Er hatte seit Stunden in seinem Zimmer auf der Bettkante gesessen und sich nicht getraut, die Schachteln wegzuschmeißen aus Angst, jemand könnte ihn dabei erwischen und dumme Fragen stellen. Dann schloss er die Augen, streckte seine beiden Arme weit von sich und nahm langsam den Deckel ab. Es passierte Nichts. In dem Schächtelchen war Nichts. Er stellte die offene Schachtel beiseite auf das hölzerne Nachtschränkchen. Im ersten Moment war er erleichtert, aber bald enttäuscht und beleidigt. In seiner Brust schwoll ein hartes, widerständiges Gefühl. Eine Mischung aus beschämt sein, Enttäuschung und, ja was war da noch? Er konnte es nicht begreifen. Aber er wusste irgendwie, dass er etwas nicht wusste und dass ihm dieses auf der Seele brannte. In seinem Kopf breitete sich das Warum aus und machte ihn unruhig. Es gibt nichts bewegenderes als eine große Frage und so war auch Hans Leben von nun an dem Stillstand entrissen.

Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er einen Traum. Er träumte davon, wie er durch die Straßen seiner Stadt ging, alle paar Meter hielten Menschen vor ihm und sprachen ihn an. Jeder musste ihm etwas sagen, aber er verstand niemanden. Jeder sprach in einer anderen Sprache mit ihm und er entzifferte keine davon. Die Leute bedrängten ihn, gestikulierten heftig mit den Händen und versperrten ihm den Weg. Anfangs konnte er ihnen noch aus dem Weg gehen und sich durchschlängeln, aber dann konnte er keinen Schritt mehr tun. Ein Meer von Menschen um ihn herum und alle redeten. Das Geplapper schwoll an, er schloss die Augen  und die Welt schien aus Stimmen zu bestehen. Blind griff er in seine Hosentasche und holte ein Schächtelchen hervor. Er öffnete es und schlagartig wurde es still um ihn. Als er die Augen aufmachte, war er ganz allein auf der Straße, niemand da, niemand redete. Er starrte auf die kleine Box, die er unversehens wieder zugemacht hatte. Nun schob er den Deckel ein wenig zur Seite und er vernahm ein leises Gerede. Je weiter er den Deckel verschob, umso lauter wurde es. Was für ein Trick! Glücklich schloss er die Schachtel, ging weiter und wachte im Hier und Jetzt auf.

Ihm brannte das Herz, als er am Morgen aufstand, er war so unruhig wie noch nie. Als er das Haus verließ, traf er die Vermieterin, die sich gerade dabei fand, die Treppen zu scheuern. Er grüßte sie und es polterte laut aus ihm heraus: „Guten Tag, werte Frau. Sagen Sie, wie kommt es, dass Sie hier Tag für Tag den Boden scheuern und Ihr Mann Tag für Tag in der Kneipe ums Eck mit dem Wirt scherzt?“ Sie schaute drein, als hätte sie nicht recht verstanden. Die Frau bekam keine Zeit zum Antworten, denn schon war er auf die Straße getänzelt. Den Gehweg entlang schlendernd sah er den Bettler neben dem Schaufenster der Bäckerei. Die Kleidung schmutzig, der Blick so leer, wie das Becherchen vor seinen Füßen. Hans ging in die Bäckerei, wo gerade ein Nachbar eine große Sahnetorte bestellte und mit teurem Geld bezahlte. Als der sich umdrehte, stand Hans da und schaute mit festen Augen in ihn hinein: „Wie kann es sein, dass Sie sich um die Größe der Sahnehäubchen auf ihrer Torte sorgen und der Bettler draußen nicht einmal von einem solchem Stück Torte träumen kann, weil er Tag ein Tag aus seine Augen offenhalten muss, um nicht zu verpassen, wenn vielleicht ein gnädiger Pfennig in seinen Becher fällt?“ Die Bäckersfrau kicherte, denn nach dem Gesagten ging Hans, so wie er gekommen war, ohne etwas zu kaufen. Der Tortenbesitzer stand verdutzt zwischen Tür und Angel und merkte, wie ihn der Appetit allmählich verließ.

So ging es den ganzen Tag. Immer traf Hans jemanden, den er mit seinen Fragen anbohrte, wie ein unsichtbarer Holzwurm einen schweren Eichentisch. Und von keinem verlangte er Antwort, lies jeden einfach stehen und kümmerte sich nicht mehr darum. Als es schon zu Dämmern anfing, traf er auf eine Gruppe Gläubiger auf dem Weg zur Messe. Er reihte sich ein und ging mit ihnen die steinerne Treppe hinauf in das prächtige Schiff der Kirche. Er setzte sich ganz nach vorne und lauschte andächtig den Gesängen und es flogen Fetzen der Predigt nur ab und zu in sein Ohr: „ Wir… Sünder… Schuld… Abbitte leisten… Jesus danken… sein Leben gegeben… Gott… Mensch zu werden… was Gut und Schlecht… am Ende richtet… selbst in der Hand… müssen nur… dann…“

Da stand Hans auf und sprach laut und klar in die heiligen Hallen hinein, so dass es jeder hörte: „Warum sollte Gott euch lieben, wenn ihr euch selbst nicht liebt?“ Empörtes Tuscheln erfüllte die Kirche und Hans schloss leise das große Holztor hinter sich. Ob Hans da nicht zu weit gegangen war, werden wir gleich wahrhaftig an den nächsten seiner Schritte erfahren.

Er wollte ein wenig spazieren gehen und lief auf den Weg zu, der aus der Stadt hinausführte. Als er bei der Steinbrücke angekommen war, die über den Fluss ragte, griff er in seine Hosentaschen und holte das letzte Schächtelchen hervor. Er öffnete es nicht, denn er wusste nun, was sich darin befand. Er stellte es auf die breite Brückenmauer und machte sich auf, um über den Fluss zu schreiten und mit dem Ich das er nun war, der Welt zu begegnen. In dem Augenblick, als er genau in der Mitte der Brücke angelangt war, brach diese entzwei. Hans fiel in den Fluss und die Steine begruben ihn unter sich.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s