Das Ende

Ein gläserner Kasten. Ein zweigeschossiger Block mit einem Flachdach. Fenster an Fenster reihen sich die Öffnungen, die das Licht herein lassen sollen. Die Fassade ist hellgrau und die vielen Glasflächen reflektieren die Umgebung in verzerrten Spiegelungen. Rund herum stehen hohe Laubbäume, die in frischem Grün leuchten, obwohl es Nacht ist. Das Haus, besteht aus zwei Ebenen mit jeweils einem großen Zimmer.
Sie steht im unteren Raum und ihr Blick geht hinaus durch die geöffnete Tür über den Vorgarten auf den gegenüber liegenden Platz. Es ist ein mit Pflastersteinen geebneter, relativ kleiner Marktplatz, um den alte und moderne Häuser stehen, die alle nicht höher als vier Stockwerke in die Vertikale reichen. Nur ein Augenblick, in dem sie wahrnimmt, dass der Platz überfüllt ist mit Menschen. Eine schwarze Masse. Sie dreht sich um, legt eine Schalplatte auf und führt die Nadel behutsam in die richtige Position. Es knistert leise und der ganze Raum wird mit Tönen gefüllt. Die Musik ist ruhig, nicht herausfordernd, beschreibend. Die schwarze Masse. Mit der Musik im Kopf und einer schweren, feuchten Ahnung im Magen verlässt sie das Haus und geht durch den Garten auf den Platz.
Es ist Nacht und die Laternen vor den Häusern tauchen die Szene in ein gelblich-schwarzes Licht. Diese vielen Menschen. Dort in einer Seitenstraße sieht sie ihre Mutter stehen. Ihre ganze Familie, alle suchenden Blickes, winken sie zu sich. Während sie auf die Verwandten zugeht, fährt eine Hand ihr drohend über den Rücken. Die Musik wird leiser, aber auch unendlich. Die Leute um sie herum laufen und stehen, wechselt keine Worte, nur nervöse Blicke. Mantelkragen werden hochgeklappt, Taschen und leichtes Gepäck an sich gedrückt und gewartet. Alle warten. Worauf? Sie erreicht ihre Familie, schnelle Umarmungen. Es gilt, keine Zeit zu verlieren. Und dann ist auch sie ganz im Strudel des Moments eingetaucht, der alle mit sich zieht. Jetzt geht es ganz schnell. Von irgendwoher ertönt eine laute Stimme. Ja, jetzt beginnt es, fühlt sie und alle rennen, stürmen in eine Richtung. Sie ruft ihrer Familie zu, dass man sich gleich wieder sehen werde, vorher müsse sie noch etwas erledigen. Dann werde man wieder beisammen sein. Und im allgemeinen Verschwinden verliert sie ihre Mutter aus den Augen.
Als sie sich umdreht, sieht sie, dass zwei große Boote auf dem Marktplatz stehen, im dunklen Laternenschein sind sie nur spärlich zu erkennen und kaum von den Häusern abzugrenzen. Wer hat sie dort abgestellt? Fähren, gemacht für 50-70 Personen. Das Metall ist alt und schimmert kupfern vom Rost. Jeder versucht, sich auf eines der Boote zu drängen und einen Platz zu ergattern. Sie quetschen und rempeln sich an, um ihre Seelen zu retten. Bevor auch sie für ihren schmalen Körper einen Platz auf einem der Boote sichert, muss sie noch Geld holen. Es ist wichtig, dass man genug Geld dabei hat, man weiß ja nicht, was passiert.
Sie geht an den Fähren vorbei. Sieht Menschen, die hektisch ihre Kreditkarten in unzählige Automaten stecken, Pin-Nummern eintippen und Geld aus den schmalen Mündern der Geräte ziehen. Sie stellt sich an. Vor ihr stehen mindestens fünf andere Ungeduldige. Da sind immer drei Automaten nebeneinander an einer Wand befestigt, dahinter ebenfalls drei weitere Geldautomaten, die wiederum gegenüber einer weiteren Wand mit Geräten stehen. Während die anderen die Automaten bedienen und ihr Geld herausfordern, sieht sie, dass die Hinweistäfelchen an den Automaten und das Bedienmenü der Anzeige nicht in ihrer Sprache geschrieben sind. Ein zusätzlicher Zeitfaktor. Dann ist sie an der Reihe. Sie steckt eine ihrer Karten in eines der Geräte und wartet auf die Anweisungen auf dem Bildschirm. Sprache auswählen, ihre ist nicht dabei. Wie viel abheben? Alles. Der Automat fragt sie gar nicht danach. Nun soll sie ihre Pin eintippen. Sie tippt und Fehlermeldung. Auf dem Bildschirm flackern die Zahlen ihrer Nummer in einer falschen Reihenfolge auf. Hat sie sich vertippt? Also noch einmal Karte rein, wieder die falsche Reihenfolge. Jetzt ist sie nervös. Jemand drückt sie von hinten gegen den grauen Kasten, eine andere schaut aggressiv herüber. Ich habe mich nicht vertippt, denkt sie und wird von einem kleinen Mann zur Seite geschoben. Sie muss sich wieder anstellen, irgendwo an einen anderen Automaten, der funktioniert. Sie braucht doch Geld. Während sie von einer Automatenwand zur nächsten läuft, weiß sie, dass sie nicht mehr rechtzeitig drankommen wird. Überall waren schon unzählige andere und haben die Bäuche der Automaten geplündert. Sie werden bald leer sein. Wie ein Fisch in einem riesigen Schwarm lässt sie sich von der herrschenden Panik mitreißen, ein Meer aus Angst und Unwissenheit über die Zukunft, über die nächsten Stunden. Wie benebelt sammelt sie die Geldscheine ein, die andere in ihrer Eile vergessen oder fallengelassen haben und steckt sie in ihre Jackentaschen. Die Scheine sind sehr unterschiedlich, sie stammen aus allen Ländern der Welt und blühen, wie ein bunter Strauß, aus ihrer Tasche heraus. Alles ist auf einmal ganz langsam. Nein sie ist langsam, die Welt geht weiter. Da klingelt irgendwo in ihren Kleidern das Telefon: ihre Mutter. Sie seien bereits in Japan angekommen und sonst sei alles in Ordnung. Dann bricht das Gespräch ab. Weitere Informationen können nicht ausgetauscht werden von hier nach dort. Ich muss jetzt schnell ein Boot finden, denkt sie und von irgendwoher hört sie die plätschernden Klänge einer weit entfernten Musik.

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