Die Kakteen

Herr K. sitzt mit seiner Frau Sibille, dem Modell Sensibility von Homotec, im T-Shirt auf dem Balkon und stößt mit ihr auf das neue Jahr an. In den letzten zwei Jahrhunderten haben die Synoptischen Dienste der Gemäßigten Zone keine Temperaturen unter 22C° mehr vorhergesagt.
„Schau dir die Idioten an. Jedes Jahr kramen sie diese alten Dinger raus und jedes Jahr vergessen sie die wieder wegzuräumen. Das steht dann da bis Ostern.“
Herr K.`s Frau blickt hinunter in den 156. Stock auf den Balkon direkt unter ihnen. Wie eine Kletterpflanze rankt sich der Garden-Tower 950 Meter in den grauen Himmel und streckt dabei seine blätterartigen Plattformen spiralförmig versetzt von sich. Herr K. kann von seinem Balkon die Hälfte des unteren Balkons begutachten. Grelles Blinken unzähliger Lichterketten strahlt ihm entgegen, ein aufgeblasener Weihnachtsmann dreht seinen Kopf auf Grund des integrierten Bewegungssensors in seine Blickrichtung, winkt und wünscht ihm ein frohes Fest. Von Dezember bis April, wenn Herr K. das kommunikative Fenster mit einem Wisch öffnet, um nach seinen Kakteen zu sehen, wird er auf diese Weise von der Weihnachtsdekoration seines Nachbarn begrüßt. Er versucht es zu ignorieren. Er versucht die Unfähigkeit seiner Nachbarn zu ignorieren, sich nicht von der Vergangenheit trennen zu können und die deswegen ihre Wohnung jedes Jahr aufs Neue mit alten Kunststoffdekorationselementen verunreinigen.
Er wendet sich liebevoll seinen Pflanzen zu. Die Sprossen sind zylindrisch oder zu Platykladien abgeflacht und tragen häufig gut ausgebildete Rippen oder spiralig arrangierte Warzen. Kakteen gelten mit einem Alter von wenigen Millionen Jahren als relativ junge Pflanzen. In dieser geologisch gesehen kurzen Zeitspanne haben Kakteen eine schnelle Entwicklung zu extrem spezialisierten Pflanzen durchgemacht. Was Herr K. vor allem fasziniert, ist die Fähigkeit, in günstigen Klimaperioden Wasser speichern zu können und davon in Trockenperioden zu zehren. Diese Fähigkeit nennt man Sukkulenz, erklärt er seiner Frau. Sie nickt verständnisvoll.
Um den Tower herum breitet sich eine karge Landschaft aus. Das Beige des Sandes und das Grau der Fahrbahnen bildet einen Kontrast, der es dem Auge des Betrachters ermöglicht, Fixpunkte zu erfassen. Die Bahnen gehen strahlenförmig vom Tower in das scheinbar unendliche Beige und verlieren sich in der Krümmung des Horizontes. Es ist warm. Ein leichter Wind weht, doch es befinden sich keine Wolken in der Troposphäre. An solchen Tagen ist Andromeda so deutlich zu sehen, das man meint, die im Kern der Galaxy liegenden Sterne rot und blau leuchten zu sehen.

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