Eine Frau

Sie geht eine Straße entlang. Eine schmale Straße in einer mittelgroßen Stadt im Westen Deutschlands. Die Bäume vor den Häusern sind fast kahl und vereinzelt hängen noch einige bunte Blätter an den Ästen. Die Farben wandeln sich von einem kräftigen Grün über Gelb und Orange hin zu einem leblosen erdigen Braun. Sie geht langsam und versucht nur geradeaus zu blicken. Das Gespräch lief gut. Es lief so gut, wie bei den letzten Malen, als sie sich um eine neue Stelle bei einer großen Firma bewarb. In sechs Jahren fünf solche Bewerbungsgespräche und aus allen war sie als Siegerin hervorgegangen. Irgendwie wunderte es sie, dass es jedes Mal so glimpflich abgelaufen war. Zugegeben, sie hatte von Mal zu Mal mehr Erfahrung und fühlte sich nicht mehr so unsicher. Aber dennoch versetzten die Wochen vorher ohne einen festen Job ihrem Selbstwertgefühl einen mächtigen Schlag, nach dem sie sich fühlte, als müsste sie mit Kleidung am Leib durch einen eiskalten See zum Ufer zurück schwimmen. Nun war es so, dass sie anscheinend jedes Mal am Ufer ankam und mit vollkommen trockenen Kleidern aus dem See stieg. Jetzt fühlte sie sich gut. Eine Last war von ihr genommen, die nächsten Wochen würde es aufwärts gehen. Endlich, dachte sie, würde alles gut werden, würde sie irgendwo ankommen und bleiben dürfen. Sie blickt einmal kurz in die weißen Wolken über sich und der frische Herbstwind wischt ihr gutes Gefühl fort und macht Platz für Vergangenes. Während sie nach rechts in eine weitere mit alten Villen bebaute Straße abbiegt, erinnert sie sich an früher.

Sie stand oft in der Küche ihres Elternhauses, die Mutter bereitete das Abendessen zu und ihr Vater würdigte sie keines Blickes. Ihre fast zehn Jahre jüngere Schwester saß am Küchentisch und las Zeitung. So ruhig und selbstsicher konnte nur ihre Schwester mit dem Vater an einem Tisch sitzen. Sie selbst wurde von der Kälte des Vaters an die Wand gepresst. Sie stand und beobachtete, wie ihre Mutter mit einem einigermaßen stumpfen Schälmesser die kleinen braunen Augen aus den gerade geschälten Kartoffeln puhlte. Sie hasste es, wie ihre Mutter in dieser pedantischen Art die Kartoffeln schälte. Und sie hasste ihre Mutter dafür, dass sie nie Stellung bezog. Wann immer es Streit gab, zwischen ihr und ihren Geschwistern oder ihr und ihrem Vater, zog sich die Mutter zurück. Entweder verschloss sie ihr Herz ganz fest oder verlies schon vor Geschrei und Handgreiflichkeiten den Raum. Auf ihre Mutter konnte sie nicht zählen, wenn der Vater sie für ihren Ungehorsam bestrafte. Dabei waren die Schläge nicht schlimm, die konnte man aushalten. Was wirklich an ihrer Substanz nagte, war der ständige Wechsel von einem freundschaftlichen fast intimem Vertrauensverhältnis und bei nicht Erfüllung der väterlichen Vorstellungen die eiskalten Blicke und die Ignoranz gegenüber ihrer Existenz. Mit der Mutter hatte der Vater nie Streit. Die Rollen waren klar aufgeteilt und jeder ging darin auf. Allein die kleine Schwester hatte den vollen Respekt des Vaters. Wie hatte sie das geschafft. Aber eigentlich wusste sie es. Einerseits war es so, dass sie als Erstgeborene einfach Pech gehabt hatte. Die Erwartungen an sie als erste, die den elterlichen Vorstellungen und Wünschen zu entsprechen hatte, waren bei den folgenden Kindern nicht mehr so stark ausgeprägt gewesen. Ihre kleine Schwester hatte vom Vater somit eine echte Chance bekommen. Die Chance sich zu behaupten, ihm die Stirn zu bieten, ohne Furcht davor, am Ende des Tages allein sein zu müssen. Und andererseits, hatte die kleine Schwester ihren eigenen Kopf, den sie durch Beharrlichkeit und Konfrontation einzusetzen wusste. Der Vater hatte keine andere Möglichkeit, als dieses kleine Energiebündel zu akzeptieren und ihm gebührenden Respekt zu zollen. Deswegen saßen die beiden nun ganz entspannt am Küchentisch und sie, die große Schwester, stand regungslos neben der Mutter. Damals wusste noch keiner von ihnen, dass der hart umkämpfte Respekt des Vaters sich nur einige wenige Jahre vollends würde zeigen können.

Die kleine Schwester lief eines Sommernachmittages auf dem Weg von der Schule nach Hause, wie üblich an der Pferdekoppel hinter dem Sportplatz vorbei. Das Wetter war schön und sie wollte noch nicht so schnell nach Hause. Also ging sie ganz nah am Zaun der Koppel entlang und schnalzte laut mit der Zunge, um vielleicht das ein oder andere Pferd anzulocken, damit sie es streicheln konnte. Schon kamen zwei große braune Hengste zum Zaun gelaufen. Sie waren anmutig in ihren Bewegungen und in ihren Augen blitzte es unberechenbar. Das kleine drahtige Mädchen stieg über den Zaun, lies die Tasche auf der anderen Seite am Wegesrand liegen. Sie sah dem Tier ganz fest in die großen schwarzen Augen und fühlte, wie das Adrenalin sie durchströmte und war sich ihres Mutes bewusst. Als sie mit ihrer Hand langsam vom Maul über die Nüstern hin zu der langen Mähne des Pferdes streichen wollte, musste sie reflexartig einen kleinen Schritt nach vorn machen. Dieser kleine Schritt schreckte das Pferd auf und es biss zu. Durch die ungünstigen Haltung, die das Mädchen eingenommen hatte, um das Pferd zu streicheln, lag das Maul des Pferdes fast genau auf ihrer Schulter. Die Pferdezähne also, gerieten genau in den Hals des Mädchens und ehe irgendjemand sie dort auf der Wiese fand, war sie verblutet. Ihre kleine Schwester wurde vierzehn Jahre alt. Auf der Beerdigung war nur die Familie anwesend. Als der Pfarrer mit der Predigt fast fertig war und sie alle um sich herum weinen und schluchzen hörte, merkte sie, wie sich auch ihr Mund verzog und die Gesichtsmuskeln anspannten, aber sie weinte nicht. Sie fing an zu lachen. Es war ein lautes unerhörtes Lachen, das aus ihrer Brust in die Kapelle schwappte.

Während sie die Straße entlang läuft und sich daran erinnert, fragt sie sich, warum sie so viel Glück in ihrem Leben hatte. Zwar kämpft sie bis heute mit ihrem Vater um Anerkennung, aber sie durfte studieren, Menschen kennen lernen, hatte große Lieben und kleine Affären gehabt und ihre vier erwachsenen Kinder lebten alle ein selbstständiges Leben. Sie hat eigentlich nichts zu beklagen und doch kommt sie immer wieder in Situationen, in denen sie strauchelt und mit letzter Kraft wieder ans Ufer schwimmen muss. So viel Kraft hat sie schon für ihr Leben aufgewendet, man könnte meinen, sie sei ein Kraftwerk. Außer ihrer eigenen Kraft war da aber noch etwas anderes am Werk, denkt sie. Seit einigen Monaten geht sie wieder regelmäßig in die Kirche. Sie macht bei Gottesdiensten mit, hilft Gemeindefeiern vorzubereiten oder nimmt der Küsterin einige kleine Aufgaben ab, wie das Auf- und Zuschließen der Kirche. Sie vertraut sich selbst nicht und der Glaube an einen großen Beweger beruhigt sie. Er bringt alles auf den rechten Weg, denkt sie sich, holt den Schlüssel aus ihrer Tasche, öffnet die Haustür und geht in ihre Wohnung.

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