Regen auf Metall

Ein tiefes Brummen lässt die Luft vibrieren. Das Zimmer hat keine Fenster und dennoch ist es angenehm hell. Es fühlt sich an, als würde man von der aufgehenden Sonne geweckt werden. Ein warmes gelbliches Licht, das von allen Seiten gleichmäßig leuchtet. Als sie die Augen öffnet, schießen Reize von ihrer Netzhaut direkt in ihr Gehirn und beginnen ein Neuronenfeuer, das sie zwingt, die Augen rasch wieder zu schließen. Sie spürt einen starken stechenden Schmerz. Er scheint tief im Inneren lokalisiert zu sein. Im Inneren ihres Kopfes. Wie gern hätte sie jetzt eine Schmerztablette. Etwas hindert sie am Aufstehen, hält sie zurück, wie ein starker Magnet. Erst jetzt bemerkt sie, dass sie in einem Krankenbett liegt. Neben dem Bett steht eine schlanke, graue Säule. Über ein Kabel, das zu ihrem Kopf führt, ist sie mit dem Computer zur Impulsüberwachung verbunden. Alles ist in sterilem Weiß gehalten. Und so scheinen auch Bettdecke und Möbel von innen heraus zu strahlen. Die Lichtquelle zu lokalisieren, ist unmöglich, denn es gibt keine Lampen im Raum. Keine Deckenbeleuchtung oder Leselampen neben dem Sessel. Sie kennt die übliche Raumbeleuchtung noch nicht, wie sie nun in jedem öffentlichen Gebäude installiert ist. Das Licht kommt von den Wänden selbst. Sie versucht erneut das Bett zu verlassen, aber ein starker Sog zieht sie unwillkürlich zurück in die weichen Kissen. Wieso kann ich nicht aufstehen? Sie greift zum Nachttisch, um eine Krankenschwester zu rufen, da sieht sie es. Das Metall glänzt. Es ist schwungvoll verarbeitet und lässt jedes Fingerglied deutlich hervortreten. Helles Silber. Sie wagt es nicht, ihre Hand zu bewegen. Alles ist ganz still. Sie versucht sich an alle möglichen technischen Geräte und Instrumente zu erinnern, die sie in ihrem Leben jemals gesehen oder von denen sie gehört hat. Dann erinnert sie sich an eine Art Außenfixierung zur Stabilisierung von Brüchen, die sie oft bei den Soldaten der Extraterra-Einheit gesehen hat. Anscheinend habe ich mir bei einem Unfall den Arm gebrochen. Sie entspannt sich ein wenig und drückt den roten Knopf, der neben dem Kopfende hängt. Während sie wartet, versucht sie sich ins Gedächtnis zu rufen, was passiert sein mag. Aber alles, was da erscheint, sind Bilder einer lang vergangenen Zeit. Eine schleierhafte Geschichte. Damals begann das Ende. Die politischen Verhältnisse hatten sich verschärft, kein Staat traute dem anderen. Nachdem Wissenschaftler schließlich das Signal entschlüsselt hatten, gab man jede Bemühung auf und auch sie schloss sich einer unabhängigen Gruppe an, um sich für eine Neubesiedelung vorzubereiten, die Hoffnung auf einen guten Anfang im Herzen. Dann verliert sich das Bild im Dunkel ihrer Erinnerungen und nur ein dumpfes Gefühl der Anspannung, Enttäuschung und Wut bleibt in ihrem Bauch zurück. Die Tür geht auf und eine Frau in einem weißen Kittel schreitet anmutig zum Bett, dicht gefolgt von einer zweiten Gestalt in einem hellblauen Kittel, dem Techniker.

Die Wiedergeborene sitzt in einem ledernen Sessel und betrachtet die Bäume draußen vorm Fenster. Die dicken, dunkelgrauen Wolken lassen Regentropfen gleichmäßig auf die Blätter fallen, die gleiten einfach hindurch. Keine Reibung, keine Verformung vom Tropfen zu einer Perle aus Glas, sondern schnurgerade Wasserstreifen, die alles durchfahren. Die Bäume existieren, aber anders als früher und sie wünscht sich, man hätte nicht nur die Erinnerung an den Unfall, sondern ihr ganzes vorheriges Leben gelöscht. Ja das wünsche ich mir. Der Techniker tritt herein. Er reicht ihr eine Tasse Tee. Sie nimmt sie vorsichtig entgegen und während sie das Porzellan der Untertasse ergreift, klirren ihre Finger auf dem weißen Porzellan. Wann immer sie nun etwas berührt, erklingt eine metallenen Sinfonie. Die Sitzungen laufen jedes Mal ähnlich ab. Man stellt ihr eine Reihe von Fragen, um ihr Gedächtnis zu testen. Man möchte sicher gehen, dass wirklich alles, das heißt die letzten 168 Stunden ihrer vergangenen Existenzform, restlos gelöscht und ihr organisches Gehirn voll funktionsfähig ist. Dann kommen ein paar Aufgaben, die ihren IQ messen sollen. Am ersten Tag lag er bei 98, nun sprengt ihre kognitive Leistung jegliches wissenschaftliche Maß. Aber das habe man so geplant. Es handelt sich hierbei nicht um einen Fehler im System oder ein Wunder.

Der Kleiderschrank in ihrem Zimmer ist riesengroß und gefüllt mit den Kleidern einer anderen. Sie solle sich etwas aussuchen. Dem Leben einen gewohnten Gang und ihrer Persönlichkeit mit bunten Stoffen eine Orientierung geben. Kleider machen Leute, scherzt die Schwester, als sie ihr das Essen bringt. Aber in ihrer Stimme ist kein Audruck. Wo soll sie nur anfangen sich zu finden. Wenn sie sich selbst im Spiegel sieht, erscheint da etwas, das mit ihrer Definition von Leben nichts zu tun hat. Nur ein einziges Mal hat sie sich im Spiegel angesehen. Dann nie wieder. Deswegen ist sie froh über alle Kleidungsstücke. Wenisgtens kann ich mich vor anderen verstecken. Aber der Therapeut meint, sie müsse langsam damit beginnen, ihr neues Ich zu akzeptieren. Schritt für Schritt solle sie sich ihrem Körper nähern und jeden Tag ein wenig mehr betrachten. Doch sie zieht es vor, nicht nach außen zu schauen, sondern richtet ihren Blick nach innen. Auf dem Bett liegend, lässt sie Bilder in ihrem Kopf aufsteigen. Sie kann sich heute an mehr Details aus ihrer Kindheit erinnern als früher. Jede Erinnerung wirkt mindestens so real, wie die Bäume vor der Klinik. Eigentlich sind sie noch realer, denn sie haben stattgefunden. Alles das gab es wirklich einmal, aber die Bäume auf der Straße haben nie dort gestanden. In ihren Erinnerungen perlen die Tropfen mit einem leisen Knacken von den saftig-grünen Blättern und sammeln sich auf dem Asphalt in einer Pfütze. Hier weiß sie noch, wer sie ist. Ich wünschte, das wären die Erinnerungen einer anderen. Aber das wäre eine andere Geschichte.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s