Die Reise

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Hinhören funktionierte nicht mehr, immer wieder fielen ihm die Augen zu. Er war sowieso nur Eva zuliebe mitgekommen. Auf hellblauen Postern, die zahlreich an den Wänden klebten, stand in grüner Schrift „Endlich richtig leben! Ein Vortrag von Jörg Briggemann“ Dieser Jörg hatte angeblich drei Jahre im Amazonas bei einer noch weitgehend unbekannten Gruppe Wilder gelebt. Bei diesen Zwischenwesen – halb Tier halb Mensch – zu leben, ihre Riten und Traditionen zu lernen, völlig fern ab der modernen Welt, hätte ihn zu einem neuen Menschen gemacht. Zu seiner äußerlichen Anpassung, Entsagung von Kleidung und Besitz, kam noch eine geistige Reinigung, wie er es nannte. Befördert durch den Konsum der dort gängigen Droge, einem süßlich schmeckenden Saft, den man aus kleinen, grünen Blättern presste, kamen Nahtoderfahrungen auf Grund von Mangelernährung und einer Beinah-Blutvergiftung durch entzündete Insektenstiche. Diese einschneidenden Erlebnisse also hatten Jörg Briggemanns Geist von der permanenten Informationsüberflutung und den Zwangsvorstellungen, die einem die Gesellschaft aufzwinge, gereinigt. Während der Erleuchtete auf der kleinen Bühne der Schulsporthalle einer mittelgroßen Stadt im Ruhrgebiet redete und jedem, der wollte, seine physisch fast verheilten und psychisch noch schmerzenden Narben zeigte, kämpfte Jakob gegen das Einschlafen. Plötzlich spürte er einen spitzen Finger in der Seite. Er merkte, wie er seinen Kopf anheben musste, um in das verärgerte Gesicht des zugehörigen Fingers blicken zu können. Eva schüttelte den Kopf und wandte sich wieder dem Vortrag zu. Es war ungewöhnlich warm für die ersten Mai Wochen und die Halle war erfüllt von einer Mischung aus schwitzigen Turnschuhen, verstaubten Vorhängen und dem Duft der Fliederzweige vor den geöffneten Fenstern. Jakob stand vorsichtig auf, drängelte sich an den Menschen vorbei, die in seiner Reihe saßen. Er ging aus der Halle an den Umkleideräumen vorbei. Als er durch den Eingang nach draußen kam, war er für einige Sekunden gelbendet, so hell schien die Sonne am Schulgebäude vorbei in sein Gesicht. Das warme Licht und der Fliederduft entschädigten ihn für die grausame Stunde, die er zuvor auf der unbequemen Holzbank gesessen hatte. Er zündete sich eine Zigarette an, inhalierte alles, was gerade verbrannte tief in seine Lunge und entspannte sich augenblicklich. Er war gern draußen. Schon als Kind hatte er am liebsten im Garten hinter dem Haus Steine zusammen getragen und sie der Größe oder Farbe nach sortiert. Oder er hatte eine Schneckensammlung angelegt. Aber nur die ganz kleinen Schnecken, die man kaum sehen konnte. Vor den großen ekelte er sich. Manchmal fing er an, mit den Ameisen und Spinnen zu reden, die über seine Schneckengehege liefen. Er bat sie nett und höflich, doch einen anderen Weg zu nehmen, aus Rücksicht. Er schämte sich. Was für ein Schwachsinn, mit Tieren reden. Kinder sind dumm, dachte er. Eva durfte das nicht erfahren. Sie fragte ihn ständig nach seiner Kindheit. Hast du Geschwister? Welches Spiel hast du am liebsten gespielt? Was war die schrecklichste bunte Hose, die du tragen musstest? Ja, eine Schwester. Weiß ich nicht mehr. Die waren alle einfarbig. Warum interessierte sie das? So wie er jetzt war, was er gerade jetzt tat und sagte, das war er. Nicht die Person aus seiner Kindheit. Er erinnerte sich ab und zu an vergangene Tage, aber eben so, als würde er sich an eine Geschichte aus einem Buch oder einem Film erinnern. Da war Etwas abgeschnitten, eine Distanz, die er nicht überbrücken konnte, um sich in den Geschichten heimisch zu fühlen. Wie sich alle in ihrer Melancholie einrichten und die Vergangenheit glorifizieren. Verirrten sich diese Menschen nicht ständig? Eva war auch eine von ihnen, aber er war froh, dass sie da war. Sie arbeitete in einem Tierheim im nächsten größeren Ort. Sie hatten sich dort kennen gelernt, als Jakob mit seinem Vater einen Hund holen wollte. Als die beiden durch die grauen Gänge von einem Käfig zum anderen schlenderten, die starren Blicke der einsamen Hunde auf sie gerichtet, kam Eva mit einer großen Tüte Hundefutter aus einer Tür und begrüßte sie fröhlich. Zwischen den schmutzigen Wänden, den metallenen Gittern und kalten Betonböden, wirkte Evas Fröhlichkeit absurd. Als hätte sie jemand aus einem Katalog für Hundefutterwerbung ausgeschnitten und dort rein geklebt. Eine Woche später fuhr Jakob nochmal zum Tierheim und verabredete sich mit Eva. Seitdem waren sie irgendwie zusammen. Und weil sie nun irgendwie ein Paar waren, musste er irgendwie ihre Spiele spielen, auf ihrem Weg mitgehen und sich für die gleichen Dinge interessieren. Deswegen war er mitgekommen. Während er so darüber nachdachte, hatte er sich von der Sporthalle entfernt und war auf dem kleinen Trampelpfad Richtung Wald gegangen. Er würde einen kurzen Spaziergang machen, der Vortrag ging bestimmt noch eine Stunde, entschied er. Hinter der Halle fiel das Gelände leicht ab, man ging auf einem ausgetretenen Pfad bergab auf einen Mischwald zu. Kurz vor Eintritt zwischen die hohen Stämme, begegneten Jakob knie-und hüfthohe Sträucher. Er trug eine alte Jeans, ein dunkelblaues T-Shirt und darüber eine beige, dünne Regenjacke aus Kunststofffaser. Die Zigarettenschachtel mit den Streichhölzern hatte er in der Innentasche auf der rechten Seite verstaut. Er schaute auf seine Uhr, 13:40. Dann nach oben in die Baumkrone einer großen Buche. Da landete gerade ein Falke über ihm auf einem der höchsten Äste. Automatisch nickte er dem Vogel zu und der schien seinen Gruß mit einer schnellen Kopfbewegung zu erwidern. Jakob zuckte mit den Schultern und lies die Luft zwischen seinen Zähne stoßartig ausströmen, um seiner Verwunderung Ausdruck zu verleihen. Dann lief er weiter in den Wald hinein.

Nach einer Weile verlor sich der Pfad, hörte einfach auf und Jakob ging weiter, ohne einen vorgezeichneten Weg, dem er hätte folgen können. Wenn er nach unten sah, breitete sich ein Teppich von dunkelgrünem Moos, braunen Ästen, Farnen und kleinen Pflanzen mit einzelnen weißen Blüten in seinem Gesichtsfeld aus. Er spürte, wie sich sein Herzschlag verlangsamte und einen ruhigen stetigen Takt annahm. Er fühlte sich wohl und merkte nicht, wie sich auf seiner Jacke am Rücken ein großer Riss bildete, als er sich voller Tatendrang zwischen zwei Baumstämmen hindurchzwängte, die aus einer gemeinsamen Wurzel wuchsen. Nach einer Weile bemerkte er in der Ferne ein Gebilde aus Brettern und lief darauf zu. Im Näherkommen sah er, dass es sich um eine kleine Holzhütte handelte. Er ging langsam einmal um den Verschlag herum und sah dann ins Innere. Er kroch hinein und fand, dass er doch genug Platz darin hatte, um sich einmal der Länge nach hinzulegen, nur seine Schuhe guckten noch heraus. Durch die Holzdecke konnte er das Laub blitzen sehen und er kniff die Augen zusammen. Spürte seinen schweren Körper und schlief ein. Er träumte, dass er im Amazonas bei einem uralten Stamm von Wilden lebte. Er trug Armreifen und war am ganzen Körper mit weißer Farbe bemalt, wie die anderen. Er hatte auf einmal ein Gefühl in sich, als hätte alles einen Sinn. Alles, was er tat, war sinnvoll. Er hätte die Bedeutung nicht nennen können, denn er hatte keine Sprache. Niemand sprach jemals ein Wort zum Anderen und doch folgte alles einer eigentümlichen Logik. Die Beziehungen untereinander waren klar geregelt und jeder verstand, was es hieß, wenn man sich für immer miteinander verband oder von jemandem Abschied nehmen musste. Am eindrucksvollsten waren für Jakob, der nun keinen Namen mehr hatte, die Art und Weise, wie er sich mit den anderen durch den Dschungel bewegte. Er kannte fast jede Pflanze, jeden Stein und, wenn er auf ein Tier traf, begrüßten sie sich gegenseitig. Ja, auch das Tier grüßte auf seine Weise, denn sie waren eine Gemeinschaft, die Menschentiere und all die anderen Arten. Es gab keine Kluft, die überbrückt werden musste.

Jäh wachte der träumende Junge auf. Er merkte, dass er ganz nass geschwitzt war und zog seine Jacke aus und auch das T-Shirt, legte beides in eine Ecke der holzigen Behausung und krabbelte heraus. Er atmete tief ein und der Geruch von Leben floss durch seine Nase und füllte ihn wieder auf. Wie er so da stand, die Arme locker neben dem Körper, den Kopf in den Nacken gelegt, bemerkte er nicht, wie zerzaust sein Haar war. Hier und da versteckte sich einzelne Blätter zwischen seinen hellbraunen Strähnen. Er wollte sich waschen und ging los, um einen Bach oder einen See zu finden. Nach einigen Schritten über den belebten Waldboden, bemerkte er etwas rost-rot Farbenes zwischen dem Grün. Er näherte sich und der rote Farbklecks nahm die Form eines Fuchses an. Als der den Jungen sah, blieb er auf der Stelle stehen und blickte ihn an. Auch der Junge blickte direkt in die Fuchsaugen. Das Tier sprach: „Du bist zurückgekehrt, das ist richtig. Aber du wirst dich erklären müssen. Nicht vor den Anderen, sondern vor dir selbst. Machs` gut.„ Und mit einem Satz war er im Dickicht verschwunden. Verwirrt starrte der Junge immer noch auf die Stelle, wo der Fuchs gestanden hatte. Es dauerte nicht lange, da verflog dieses Gefühl des Schwindels und er hatte die innere Sicherheit aus der Zeit im Amazonas wiedergefunden. Erst als er an einem schmalen Bach angelangt war, fiel ihm auf, dass seine Mundwinkel die ganze Zeit über ein Lächeln formten. Er nahm das einfach zur Kenntnis, beugte sich über den Bachlauf und schöpfte mit seinen Händen Wasser in sein Gesicht und auf seine Arme. Er saß noch eine Weile am Bach und lies sich von den Sonnenstrahlen trocknen. Dann schaute er noch ein letztes Mal auf seine Armbanduhr: 13:40. Muss wohl stehen geblieben sein, dachte er, nahm sie ab, legte sie unter einen Stein und ging.

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Nothing is ok

Eine Hand berührt ihn leicht an seiner rechten Schulter. Langsam macht er die Augen auf. Seine Augenlider fühlen sich an, als würden kleine Bleigewichte mit einer filigranen Sicherheitsnadel daran hängen und sie nach unten ziehen. „Excuse me, are you ok?“ Es dauert einige Sekunden, bis Louis weiß, wo er sich befindet und wer da mit ihm spricht: Im Flugzeug, auf dem Weg zurück nach Deutschland, die Stimme gehört seiner Sitznachbarin. Eine resolut wirkende Frau in den 50ern, sie trägt ein Twin-Set in einem limetten-farbenen Grün. „Yes, yes, everything is ok. Thank you.“ Er fühlt sich matt. Der Schweiß klebt sein Sweatshirt an seinen Rücken und verbindet ihn so mit dem Sitz. Die Frau schaut ihn immer noch fragend an. „I`m fine!“, versichert er ihr und spürt, wie sich sein Magen verkrampft, etwas muss heraus transportiert werden, aber in seinem Magen befindet sich eigentlich Nichts. Außer einem bisschen Magensäure, die er schnell wieder hinunter schluckt. Die Frau reicht ihm ein Taschentuch. Und dann erst merkt er, dass sich seine Oberlippe seltsam feucht anfühlt. Er wischt reflexartig mit dem Taschentuch darüber und sieht das rote, halb fest getrocknete Blut. Sein ganzes Shirt ist voll mit einzelnen dunkelroten Tropfen. Eigentlich ganz schön, denkt er und schämt sich augenblicklich, für seinen unkontrollierten Zustand. Die Anschnallzeichen über ihm leuchten wieder. Der Pilot beginnt mit der Landung.

Die Beine baumelten in der Luft, in der einen Hand die Kamera, die andere fest am Gurt. Äthiopiens saftig grüne Hügel entfernten sich von ihm und wurden zu ausgefransten Farbflächen. Er hätte ewig so in der Luft schweben können. Vor acht Jahren begann sein Vater mit dem Paragliding. Seitdem reisten sie zusammen fast jedes Jahr nach Äthiopien. Die Patenkinder besuchen, sehen wie es mit der Bibliothek vorangeht und Fliegen. An diesem Tag hatte sich auch ein mutiger Bauer aus dem Dorf gemeldet. Er wurde fachmännisch von Jean in den Gurt gesetzt und festgeschnallt. Er war ganz still, seine Augen starr auf Jeans Hände gerichtet. Angst kroch aus jeder Pore seines Körpers, aber auch Entschlossenheit. Zuerst mussten alle ein wenig mithelfen und die beiden, Jean und den Bauern, anschieben. Nach ein paar holprigen Schritten hoben auch sie endlich ab.

Das Foto zeigte Samrawit auf dem Krankenbett. Ein zartes Lächeln wird an den Betrachter gesendet. Ein zerbrechliches Lächeln. Sie liegt auf der Seite, um das operierte Bein nicht zu belasten. Er schaute sich das Bild lange an, bis sie ihm sagte, er solle es wegschmeißen. „Samrawit, i will take it with me. It reminds me of your power. You look so pretty.“, versuchte er sie zu ermuntern. Tage lang hatten er und sein Vater bei der Familie von Samrawit gesessen und vorsichtig versucht, sie von der Operation zu überzeugen. All die vernünftigen Argumente, die logischen Argumente, die die Menschen in seiner Welt ohne großen Widerstand zum Handeln bewegt hätten, galten hier nichts. Hier war Gott der beste und einzige Berater in schwierigen Lebensfragen. Doch bis der sich meldete, wäre Samrawits Zeit abgelaufen und der Krebs metastasierte schon irgendwo anders in ihrem kleinen zerbrechlichen Körper. Dann nach etlichen Diskussionen und schweigsamem Zusammensitzen, meldete sich Samrawits Wille. Sie ließ sich operieren. Jetzt hatte sie nur noch ein Bein, aber mehr Zeit zu leben.

Die Verabschiedung war herzlich. Alle umarmten ihn, drückten ihn an sich, lächelten ihm zu. Sein Vater verabschiedete sich als letzter. Er bleibe noch eine Woche dort. Louis fühlte die leisen, warmen Tränen auf seinen Wangen. Sie hatten vor der Fahrt zum Flughafen noch alle zusammen Schnaps getrunken, ein bisschen zu viel vielleicht. Aber wenigstens spürte er seinen Husten nicht mehr so. Und auch der Trennungsschmerz vibrierte nur dumpf in seiner Brust. Er hasst Verabschiedungen. Von seinem Bruder Paul konnte er sich nicht verabschieden. Niemand konnte das. Der Tod hatte ihn mit sich gerissen, wie die beiläufigen Wellen einer Brandung. Eben liefen die beiden Brüder noch von der Schule zu der Kreuzung, an der ihr Vater auf sie wartete. Und dann, ein kurzer Augenblick, ein Atemzug und Paul war nicht mehr Paul, war nur noch kaputter Körper. Der Vater stand da, hielt ein anderes Kind an der Hand, das er einen Augenblick zuvor davon abhielt, vor das Motorrad zu laufen. Das war vor knapp 10 Jahren. Ein Ereignis, dass in Zukunft alle Handlungen von Louis und Jean bestimmen wird.

Als er in das Flugzeug stieg, dachte er sich, es sei vielleicht prophylaktisch ganz ok., noch eine Tablette zu nehmen. Das Codeine würde verhindern, dass er während der Flugzeit durch seinen Husten irgendjemanden stört und er könnte sich entspannen und ein wenig schlafen. Einschlafen war generell für ihn zu einer Tortur geworden. Mit einer schwungvollen Handbewegung verschwanden die kleinen weißen Pillen in seinem Mund und wurden mit etwas Spucke hinuntergespült.

Er suchte sich seinen Platz und schnallte sich an. Eine Frau in den 50ern saß bereits auf dem Platz neben seinem. So ein saftiges Grün dachte er, als er ihr Twin-Set betrachtete, schwebte schon wieder über den Hügeln und war im nächsten Moment nicht mehr da. Fortgespült von den mitleidlosen Wellen seines Unterbewusstseins.

Der Zweifel oder warum ein Leben in Unwissenheit ungefährlicher ist

Es war einmal Einer, der war eigentlich keiner. Man hatte ihn bei der Geburt Hans genannt, aber wenn man ihn fragte: „Wer sind Sie, bitte schön?“, sagte er: „Niemand besonderes.“ Und so war es tatsächlich. Alles an ihm war so gewöhnlich, wie die Schuppen eines Fisches oder das kurze, aber dennoch beschwerliche Leben Drosophilas. Er hatte Haare und ein Gesicht. An seinem Körper befanden sich Arme und ein paar taugliche Beine, die sich in der Verlängerung nach unten hin zu Hand ähnlichen Gebilden formten. Er steckte diese in Schuhe und seine restliche Gestalt in aus Stoff genähte Säcke, in Geschäften als Hemden oder Hosen angepriesen. Er konnte sich in Gesellschaft aufhalten, ohne auffällig zu werden. Man hatte ihm beigebracht wenig aufzufallen, denn zu fallen, bedeute nichts Gutes und etwas bedeuten, wollte man schon gar nicht.

Als er einmal in einem Café damit beschäftigt war, Himbeertorte kauend, mit festem Blick die Fliegen zu zählen, die ihr Leben bedauerlicherweise an einem Honigpapier beenden mussten, welches im Durchgang zwischen Tresen und Küche hing, kam etwas zur Tür herein. Hans war sofort klar, dass es sich hier nicht um eine Person handeln konnte, denn niemand sah auf oder würdigte den neuen Gast auch nur eines flüchtigen Blickes. Leute, die man nicht grüßte, konnten keine Personen seien. Der Fremde näherte sich seinem Tisch und nahm auf dem freien Stuhl gegenüber Platz. Hans starrte ihn an und versuchte dabei ganz erschrocken dreinzuschauen, doch in der Tat, sah er ganz gewöhnlich vor sich hin. Man sprach nichts und nach einer kurzen Weile wurden drei kleine Schächtelchen auf dem Tisch vor ihm ausgelegt. Jetzt staunte er noch gewöhnlicher und musste einen aufkommenden Schrei zurückdrängen. Das gehörte sich nicht! Man hatte dem Anderen immer alle Karten offen auf den Tisch zu legen. Jemandem drei verschlossene, verheimlichte Dinge unter die Nase zu halten, war pure Beleidigung. Jetzt wäre er wirklich beinah aufgestanden, aber ehe er dies zu tun dachte, war die Unperson zur Tür hinaus. Um nicht aufzufallen, steckte er die Schächtelchen schnell in seine Manteltaschen, zahlte und ging heim.

Er hatte seit Stunden in seinem Zimmer auf der Bettkante gesessen und sich nicht getraut, die Schachteln wegzuschmeißen aus Angst, jemand könnte ihn dabei erwischen und dumme Fragen stellen. Dann schloss er die Augen, streckte seine beiden Arme weit von sich und nahm langsam den Deckel ab. Es passierte Nichts. In dem Schächtelchen war Nichts. Er stellte die offene Schachtel beiseite auf das hölzerne Nachtschränkchen. Im ersten Moment war er erleichtert, aber bald enttäuscht und beleidigt. In seiner Brust schwoll ein hartes, widerständiges Gefühl. Eine Mischung aus beschämt sein, Enttäuschung und, ja was war da noch? Er konnte es nicht begreifen. Aber er wusste irgendwie, dass er etwas nicht wusste und dass ihm dieses auf der Seele brannte. In seinem Kopf breitete sich das Warum aus und machte ihn unruhig. Es gibt nichts bewegenderes als eine große Frage und so war auch Hans Leben von nun an dem Stillstand entrissen.

Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er einen Traum. Er träumte davon, wie er durch die Straßen seiner Stadt ging, alle paar Meter hielten Menschen vor ihm und sprachen ihn an. Jeder musste ihm etwas sagen, aber er verstand niemanden. Jeder sprach in einer anderen Sprache mit ihm und er entzifferte keine davon. Die Leute bedrängten ihn, gestikulierten heftig mit den Händen und versperrten ihm den Weg. Anfangs konnte er ihnen noch aus dem Weg gehen und sich durchschlängeln, aber dann konnte er keinen Schritt mehr tun. Ein Meer von Menschen um ihn herum und alle redeten. Das Geplapper schwoll an, er schloss die Augen  und die Welt schien aus Stimmen zu bestehen. Blind griff er in seine Hosentasche und holte ein Schächtelchen hervor. Er öffnete es und schlagartig wurde es still um ihn. Als er die Augen aufmachte, war er ganz allein auf der Straße, niemand da, niemand redete. Er starrte auf die kleine Box, die er unversehens wieder zugemacht hatte. Nun schob er den Deckel ein wenig zur Seite und er vernahm ein leises Gerede. Je weiter er den Deckel verschob, umso lauter wurde es. Was für ein Trick! Glücklich schloss er die Schachtel, ging weiter und wachte im Hier und Jetzt auf.

Ihm brannte das Herz, als er am Morgen aufstand, er war so unruhig wie noch nie. Als er das Haus verließ, traf er die Vermieterin, die sich gerade dabei fand, die Treppen zu scheuern. Er grüßte sie und es polterte laut aus ihm heraus: „Guten Tag, werte Frau. Sagen Sie, wie kommt es, dass Sie hier Tag für Tag den Boden scheuern und Ihr Mann Tag für Tag in der Kneipe ums Eck mit dem Wirt scherzt?“ Sie schaute drein, als hätte sie nicht recht verstanden. Die Frau bekam keine Zeit zum Antworten, denn schon war er auf die Straße getänzelt. Den Gehweg entlang schlendernd sah er den Bettler neben dem Schaufenster der Bäckerei. Die Kleidung schmutzig, der Blick so leer, wie das Becherchen vor seinen Füßen. Hans ging in die Bäckerei, wo gerade ein Nachbar eine große Sahnetorte bestellte und mit teurem Geld bezahlte. Als der sich umdrehte, stand Hans da und schaute mit festen Augen in ihn hinein: „Wie kann es sein, dass Sie sich um die Größe der Sahnehäubchen auf ihrer Torte sorgen und der Bettler draußen nicht einmal von einem solchem Stück Torte träumen kann, weil er Tag ein Tag aus seine Augen offenhalten muss, um nicht zu verpassen, wenn vielleicht ein gnädiger Pfennig in seinen Becher fällt?“ Die Bäckersfrau kicherte, denn nach dem Gesagten ging Hans, so wie er gekommen war, ohne etwas zu kaufen. Der Tortenbesitzer stand verdutzt zwischen Tür und Angel und merkte, wie ihn der Appetit allmählich verließ.

So ging es den ganzen Tag. Immer traf Hans jemanden, den er mit seinen Fragen anbohrte, wie ein unsichtbarer Holzwurm einen schweren Eichentisch. Und von keinem verlangte er Antwort, lies jeden einfach stehen und kümmerte sich nicht mehr darum. Als es schon zu Dämmern anfing, traf er auf eine Gruppe Gläubiger auf dem Weg zur Messe. Er reihte sich ein und ging mit ihnen die steinerne Treppe hinauf in das prächtige Schiff der Kirche. Er setzte sich ganz nach vorne und lauschte andächtig den Gesängen und es flogen Fetzen der Predigt nur ab und zu in sein Ohr: „ Wir… Sünder… Schuld… Abbitte leisten… Jesus danken… sein Leben gegeben… Gott… Mensch zu werden… was Gut und Schlecht… am Ende richtet… selbst in der Hand… müssen nur… dann…“

Da stand Hans auf und sprach laut und klar in die heiligen Hallen hinein, so dass es jeder hörte: „Warum sollte Gott euch lieben, wenn ihr euch selbst nicht liebt?“ Empörtes Tuscheln erfüllte die Kirche und Hans schloss leise das große Holztor hinter sich. Ob Hans da nicht zu weit gegangen war, werden wir gleich wahrhaftig an den nächsten seiner Schritte erfahren.

Er wollte ein wenig spazieren gehen und lief auf den Weg zu, der aus der Stadt hinausführte. Als er bei der Steinbrücke angekommen war, die über den Fluss ragte, griff er in seine Hosentaschen und holte das letzte Schächtelchen hervor. Er öffnete es nicht, denn er wusste nun, was sich darin befand. Er stellte es auf die breite Brückenmauer und machte sich auf, um über den Fluss zu schreiten und mit dem Ich das er nun war, der Welt zu begegnen. In dem Augenblick, als er genau in der Mitte der Brücke angelangt war, brach diese entzwei. Hans fiel in den Fluss und die Steine begruben ihn unter sich.

so zu sich selbst

Warum schreiben? Für wen? Für mich. Für ein Publikum. Für den Leser. Wer ist das denn? Ich. Die. Was schreiben? Wieso schreibst du so und das? Das kann der da aber besser. Schöner. Stilsicherer. Und immer diese kurzen Texte. Traust du dir keinen längeren Atem zu? Feige. Faul. Gelangweilt vom eigenen Zeugs. So pseudo, pseudo drastisch, pseudo relevant. Wie eine Wirklichkeit beschreiben, wenn man selbst in der unwirklichsten aller möglichen Keiten verharrt? Keine Ahnung. Kommst du mit ins Ohm am Freitag?

 

Das Ende

Ein gläserner Kasten. Ein zweigeschossiger Block mit einem Flachdach. Fenster an Fenster reihen sich die Öffnungen, die das Licht herein lassen sollen. Die Fassade ist hellgrau und die vielen Glasflächen reflektieren die Umgebung in verzerrten Spiegelungen. Rund herum stehen hohe Laubbäume, die in frischem Grün leuchten, obwohl es Nacht ist. Das Haus, besteht aus zwei Ebenen mit jeweils einem großen Zimmer.
Sie steht im unteren Raum und ihr Blick geht hinaus durch die geöffnete Tür über den Vorgarten auf den gegenüber liegenden Platz. Es ist ein mit Pflastersteinen geebneter, relativ kleiner Marktplatz, um den alte und moderne Häuser stehen, die alle nicht höher als vier Stockwerke in die Vertikale reichen. Nur ein Augenblick, in dem sie wahrnimmt, dass der Platz überfüllt ist mit Menschen. Eine schwarze Masse. Sie dreht sich um, legt eine Schalplatte auf und führt die Nadel behutsam in die richtige Position. Es knistert leise und der ganze Raum wird mit Tönen gefüllt. Die Musik ist ruhig, nicht herausfordernd, beschreibend. Die schwarze Masse. Mit der Musik im Kopf und einer schweren, feuchten Ahnung im Magen verlässt sie das Haus und geht durch den Garten auf den Platz.
Es ist Nacht und die Laternen vor den Häusern tauchen die Szene in ein gelblich-schwarzes Licht. Diese vielen Menschen. Dort in einer Seitenstraße sieht sie ihre Mutter stehen. Ihre ganze Familie, alle suchenden Blickes, winken sie zu sich. Während sie auf die Verwandten zugeht, fährt eine Hand ihr drohend über den Rücken. Die Musik wird leiser, aber auch unendlich. Die Leute um sie herum laufen und stehen, wechselt keine Worte, nur nervöse Blicke. Mantelkragen werden hochgeklappt, Taschen und leichtes Gepäck an sich gedrückt und gewartet. Alle warten. Worauf? Sie erreicht ihre Familie, schnelle Umarmungen. Es gilt, keine Zeit zu verlieren. Und dann ist auch sie ganz im Strudel des Moments eingetaucht, der alle mit sich zieht. Jetzt geht es ganz schnell. Von irgendwoher ertönt eine laute Stimme. Ja, jetzt beginnt es, fühlt sie und alle rennen, stürmen in eine Richtung. Sie ruft ihrer Familie zu, dass man sich gleich wieder sehen werde, vorher müsse sie noch etwas erledigen. Dann werde man wieder beisammen sein. Und im allgemeinen Verschwinden verliert sie ihre Mutter aus den Augen.
Als sie sich umdreht, sieht sie, dass zwei große Boote auf dem Marktplatz stehen, im dunklen Laternenschein sind sie nur spärlich zu erkennen und kaum von den Häusern abzugrenzen. Wer hat sie dort abgestellt? Fähren, gemacht für 50-70 Personen. Das Metall ist alt und schimmert kupfern vom Rost. Jeder versucht, sich auf eines der Boote zu drängen und einen Platz zu ergattern. Sie quetschen und rempeln sich an, um ihre Seelen zu retten. Bevor auch sie für ihren schmalen Körper einen Platz auf einem der Boote sichert, muss sie noch Geld holen. Es ist wichtig, dass man genug Geld dabei hat, man weiß ja nicht, was passiert.
Sie geht an den Fähren vorbei. Sieht Menschen, die hektisch ihre Kreditkarten in unzählige Automaten stecken, Pin-Nummern eintippen und Geld aus den schmalen Mündern der Geräte ziehen. Sie stellt sich an. Vor ihr stehen mindestens fünf andere Ungeduldige. Da sind immer drei Automaten nebeneinander an einer Wand befestigt, dahinter ebenfalls drei weitere Geldautomaten, die wiederum gegenüber einer weiteren Wand mit Geräten stehen. Während die anderen die Automaten bedienen und ihr Geld herausfordern, sieht sie, dass die Hinweistäfelchen an den Automaten und das Bedienmenü der Anzeige nicht in ihrer Sprache geschrieben sind. Ein zusätzlicher Zeitfaktor. Dann ist sie an der Reihe. Sie steckt eine ihrer Karten in eines der Geräte und wartet auf die Anweisungen auf dem Bildschirm. Sprache auswählen, ihre ist nicht dabei. Wie viel abheben? Alles. Der Automat fragt sie gar nicht danach. Nun soll sie ihre Pin eintippen. Sie tippt und Fehlermeldung. Auf dem Bildschirm flackern die Zahlen ihrer Nummer in einer falschen Reihenfolge auf. Hat sie sich vertippt? Also noch einmal Karte rein, wieder die falsche Reihenfolge. Jetzt ist sie nervös. Jemand drückt sie von hinten gegen den grauen Kasten, eine andere schaut aggressiv herüber. Ich habe mich nicht vertippt, denkt sie und wird von einem kleinen Mann zur Seite geschoben. Sie muss sich wieder anstellen, irgendwo an einen anderen Automaten, der funktioniert. Sie braucht doch Geld. Während sie von einer Automatenwand zur nächsten läuft, weiß sie, dass sie nicht mehr rechtzeitig drankommen wird. Überall waren schon unzählige andere und haben die Bäuche der Automaten geplündert. Sie werden bald leer sein. Wie ein Fisch in einem riesigen Schwarm lässt sie sich von der herrschenden Panik mitreißen, ein Meer aus Angst und Unwissenheit über die Zukunft, über die nächsten Stunden. Wie benebelt sammelt sie die Geldscheine ein, die andere in ihrer Eile vergessen oder fallengelassen haben und steckt sie in ihre Jackentaschen. Die Scheine sind sehr unterschiedlich, sie stammen aus allen Ländern der Welt und blühen, wie ein bunter Strauß, aus ihrer Tasche heraus. Alles ist auf einmal ganz langsam. Nein sie ist langsam, die Welt geht weiter. Da klingelt irgendwo in ihren Kleidern das Telefon: ihre Mutter. Sie seien bereits in Japan angekommen und sonst sei alles in Ordnung. Dann bricht das Gespräch ab. Weitere Informationen können nicht ausgetauscht werden von hier nach dort. Ich muss jetzt schnell ein Boot finden, denkt sie und von irgendwoher hört sie die plätschernden Klänge einer weit entfernten Musik.

Die Kakteen

Herr K. sitzt mit seiner Frau Sibille, dem Modell Sensibility von Homotec, im T-Shirt auf dem Balkon und stößt mit ihr auf das neue Jahr an. In den letzten zwei Jahrhunderten haben die Synoptischen Dienste der Gemäßigten Zone keine Temperaturen unter 22C° mehr vorhergesagt.
„Schau dir die Idioten an. Jedes Jahr kramen sie diese alten Dinger raus und jedes Jahr vergessen sie die wieder wegzuräumen. Das steht dann da bis Ostern.“
Herr K.`s Frau blickt hinunter in den 156. Stock auf den Balkon direkt unter ihnen. Wie eine Kletterpflanze rankt sich der Garden-Tower 950 Meter in den grauen Himmel und streckt dabei seine blätterartigen Plattformen spiralförmig versetzt von sich. Herr K. kann von seinem Balkon die Hälfte des unteren Balkons begutachten. Grelles Blinken unzähliger Lichterketten strahlt ihm entgegen, ein aufgeblasener Weihnachtsmann dreht seinen Kopf auf Grund des integrierten Bewegungssensors in seine Blickrichtung, winkt und wünscht ihm ein frohes Fest. Von Dezember bis April, wenn Herr K. das kommunikative Fenster mit einem Wisch öffnet, um nach seinen Kakteen zu sehen, wird er auf diese Weise von der Weihnachtsdekoration seines Nachbarn begrüßt. Er versucht es zu ignorieren. Er versucht die Unfähigkeit seiner Nachbarn zu ignorieren, sich nicht von der Vergangenheit trennen zu können und die deswegen ihre Wohnung jedes Jahr aufs Neue mit alten Kunststoffdekorationselementen verunreinigen.
Er wendet sich liebevoll seinen Pflanzen zu. Die Sprossen sind zylindrisch oder zu Platykladien abgeflacht und tragen häufig gut ausgebildete Rippen oder spiralig arrangierte Warzen. Kakteen gelten mit einem Alter von wenigen Millionen Jahren als relativ junge Pflanzen. In dieser geologisch gesehen kurzen Zeitspanne haben Kakteen eine schnelle Entwicklung zu extrem spezialisierten Pflanzen durchgemacht. Was Herr K. vor allem fasziniert, ist die Fähigkeit, in günstigen Klimaperioden Wasser speichern zu können und davon in Trockenperioden zu zehren. Diese Fähigkeit nennt man Sukkulenz, erklärt er seiner Frau. Sie nickt verständnisvoll.
Um den Tower herum breitet sich eine karge Landschaft aus. Das Beige des Sandes und das Grau der Fahrbahnen bildet einen Kontrast, der es dem Auge des Betrachters ermöglicht, Fixpunkte zu erfassen. Die Bahnen gehen strahlenförmig vom Tower in das scheinbar unendliche Beige und verlieren sich in der Krümmung des Horizontes. Es ist warm. Ein leichter Wind weht, doch es befinden sich keine Wolken in der Troposphäre. An solchen Tagen ist Andromeda so deutlich zu sehen, das man meint, die im Kern der Galaxy liegenden Sterne rot und blau leuchten zu sehen.