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Der Zweifel oder warum ein Leben in Unwissenheit ungefährlicher ist

Es war einmal Einer, der war eigentlich keiner. Man hatte ihn bei der Geburt Hans genannt, aber wenn man ihn fragte: „Wer sind Sie, bitte schön?“, sagte er: „Niemand besonderes.“ Und so war es tatsächlich. Alles an ihm war so gewöhnlich, wie die Schuppen eines Fisches oder das kurze, aber dennoch beschwerliche Leben Drosophilas. Er hatte Haare und ein Gesicht. An seinem Körper befanden sich Arme und ein paar taugliche Beine, die sich in der Verlängerung nach unten hin zu Hand ähnlichen Gebilden formten. Er steckte diese in Schuhe und seine restliche Gestalt in aus Stoff genähte Säcke, in Geschäften als Hemden oder Hosen angepriesen. Er konnte sich in Gesellschaft aufhalten, ohne auffällig zu werden. Man hatte ihm beigebracht wenig aufzufallen, denn zu fallen, bedeute nichts Gutes und etwas bedeuten, wollte man schon gar nicht.

Als er einmal in einem Café damit beschäftigt war, Himbeertorte kauend, mit festem Blick die Fliegen zu zählen, die ihr Leben bedauerlicherweise an einem Honigpapier beenden mussten, welches im Durchgang zwischen Tresen und Küche hing, kam etwas zur Tür herein. Hans war sofort klar, dass es sich hier nicht um eine Person handeln konnte, denn niemand sah auf oder würdigte den neuen Gast auch nur eines flüchtigen Blickes. Leute, die man nicht grüßte, konnten keine Personen seien. Der Fremde näherte sich seinem Tisch und nahm auf dem freien Stuhl gegenüber Platz. Hans starrte ihn an und versuchte dabei ganz erschrocken dreinzuschauen, doch in der Tat, sah er ganz gewöhnlich vor sich hin. Man sprach nichts und nach einer kurzen Weile wurden drei kleine Schächtelchen auf dem Tisch vor ihm ausgelegt. Jetzt staunte er noch gewöhnlicher und musste einen aufkommenden Schrei zurückdrängen. Das gehörte sich nicht! Man hatte dem Anderen immer alle Karten offen auf den Tisch zu legen. Jemandem drei verschlossene, verheimlichte Dinge unter die Nase zu halten, war pure Beleidigung. Jetzt wäre er wirklich beinah aufgestanden, aber ehe er dies zu tun dachte, war die Unperson zur Tür hinaus. Um nicht aufzufallen, steckte er die Schächtelchen schnell in seine Manteltaschen, zahlte und ging heim.

Er hatte seit Stunden in seinem Zimmer auf der Bettkante gesessen und sich nicht getraut, die Schachteln wegzuschmeißen aus Angst, jemand könnte ihn dabei erwischen und dumme Fragen stellen. Dann schloss er die Augen, streckte seine beiden Arme weit von sich und nahm langsam den Deckel ab. Es passierte Nichts. In dem Schächtelchen war Nichts. Er stellte die offene Schachtel beiseite auf das hölzerne Nachtschränkchen. Im ersten Moment war er erleichtert, aber bald enttäuscht und beleidigt. In seiner Brust schwoll ein hartes, widerständiges Gefühl. Eine Mischung aus beschämt sein, Enttäuschung und, ja was war da noch? Er konnte es nicht begreifen. Aber er wusste irgendwie, dass er etwas nicht wusste und dass ihm dieses auf der Seele brannte. In seinem Kopf breitete sich das Warum aus und machte ihn unruhig. Es gibt nichts bewegenderes als eine große Frage und so war auch Hans Leben von nun an dem Stillstand entrissen.

Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er einen Traum. Er träumte davon, wie er durch die Straßen seiner Stadt ging, alle paar Meter hielten Menschen vor ihm und sprachen ihn an. Jeder musste ihm etwas sagen, aber er verstand niemanden. Jeder sprach in einer anderen Sprache mit ihm und er entzifferte keine davon. Die Leute bedrängten ihn, gestikulierten heftig mit den Händen und versperrten ihm den Weg. Anfangs konnte er ihnen noch aus dem Weg gehen und sich durchschlängeln, aber dann konnte er keinen Schritt mehr tun. Ein Meer von Menschen um ihn herum und alle redeten. Das Geplapper schwoll an, er schloss die Augen  und die Welt schien aus Stimmen zu bestehen. Blind griff er in seine Hosentasche und holte ein Schächtelchen hervor. Er öffnete es und schlagartig wurde es still um ihn. Als er die Augen aufmachte, war er ganz allein auf der Straße, niemand da, niemand redete. Er starrte auf die kleine Box, die er unversehens wieder zugemacht hatte. Nun schob er den Deckel ein wenig zur Seite und er vernahm ein leises Gerede. Je weiter er den Deckel verschob, umso lauter wurde es. Was für ein Trick! Glücklich schloss er die Schachtel, ging weiter und wachte im Hier und Jetzt auf.

Ihm brannte das Herz, als er am Morgen aufstand, er war so unruhig wie noch nie. Als er das Haus verließ, traf er die Vermieterin, die sich gerade dabei fand, die Treppen zu scheuern. Er grüßte sie und es polterte laut aus ihm heraus: „Guten Tag, werte Frau. Sagen Sie, wie kommt es, dass Sie hier Tag für Tag den Boden scheuern und Ihr Mann Tag für Tag in der Kneipe ums Eck mit dem Wirt scherzt?“ Sie schaute drein, als hätte sie nicht recht verstanden. Die Frau bekam keine Zeit zum Antworten, denn schon war er auf die Straße getänzelt. Den Gehweg entlang schlendernd sah er den Bettler neben dem Schaufenster der Bäckerei. Die Kleidung schmutzig, der Blick so leer, wie das Becherchen vor seinen Füßen. Hans ging in die Bäckerei, wo gerade ein Nachbar eine große Sahnetorte bestellte und mit teurem Geld bezahlte. Als der sich umdrehte, stand Hans da und schaute mit festen Augen in ihn hinein: „Wie kann es sein, dass Sie sich um die Größe der Sahnehäubchen auf ihrer Torte sorgen und der Bettler draußen nicht einmal von einem solchem Stück Torte träumen kann, weil er Tag ein Tag aus seine Augen offenhalten muss, um nicht zu verpassen, wenn vielleicht ein gnädiger Pfennig in seinen Becher fällt?“ Die Bäckersfrau kicherte, denn nach dem Gesagten ging Hans, so wie er gekommen war, ohne etwas zu kaufen. Der Tortenbesitzer stand verdutzt zwischen Tür und Angel und merkte, wie ihn der Appetit allmählich verließ.

So ging es den ganzen Tag. Immer traf Hans jemanden, den er mit seinen Fragen anbohrte, wie ein unsichtbarer Holzwurm einen schweren Eichentisch. Und von keinem verlangte er Antwort, lies jeden einfach stehen und kümmerte sich nicht mehr darum. Als es schon zu Dämmern anfing, traf er auf eine Gruppe Gläubiger auf dem Weg zur Messe. Er reihte sich ein und ging mit ihnen die steinerne Treppe hinauf in das prächtige Schiff der Kirche. Er setzte sich ganz nach vorne und lauschte andächtig den Gesängen und es flogen Fetzen der Predigt nur ab und zu in sein Ohr: „ Wir… Sünder… Schuld… Abbitte leisten… Jesus danken… sein Leben gegeben… Gott… Mensch zu werden… was Gut und Schlecht… am Ende richtet… selbst in der Hand… müssen nur… dann…“

Da stand Hans auf und sprach laut und klar in die heiligen Hallen hinein, so dass es jeder hörte: „Warum sollte Gott euch lieben, wenn ihr euch selbst nicht liebt?“ Empörtes Tuscheln erfüllte die Kirche und Hans schloss leise das große Holztor hinter sich. Ob Hans da nicht zu weit gegangen war, werden wir gleich wahrhaftig an den nächsten seiner Schritte erfahren.

Er wollte ein wenig spazieren gehen und lief auf den Weg zu, der aus der Stadt hinausführte. Als er bei der Steinbrücke angekommen war, die über den Fluss ragte, griff er in seine Hosentaschen und holte das letzte Schächtelchen hervor. Er öffnete es nicht, denn er wusste nun, was sich darin befand. Er stellte es auf die breite Brückenmauer und machte sich auf, um über den Fluss zu schreiten und mit dem Ich das er nun war, der Welt zu begegnen. In dem Augenblick, als er genau in der Mitte der Brücke angelangt war, brach diese entzwei. Hans fiel in den Fluss und die Steine begruben ihn unter sich.

so zu sich selbst

Warum schreiben? Für wen? Für mich. Für ein Publikum. Für den Leser. Wer ist das denn. Ich. Die. Was schreiben? Wieso schreibst du so und das? Das kann der da aber besser. Schöner. Stilsicherer. Mit weniger Rechtschreibfehlern. Und immer diese kurzen Textchen. Traust du dir keinen längeren Atem zu? Feige. Faul. Gelangweilt vom eigenen Zeugs. So pseudo. Pseudo intelektuäl, pseudo drastisch, pseudo relevant. Pseudo alles. Wie eine Wirklichkeit beschreiben, wenn man selbst in der unwirklichsten aller möglichen Keiten verharrt? Keine Ahnung. Mega uninteressant. Kommst du mit ins Ohm am Freitag?

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Das Ende

Ein gläserner Kasten. Ein zweigeschossiger Block mit einem Flachdach. Fenster an Fenster reihen sich die Öffnungen, die das Licht herein lassen sollen. Die Fassade ist hellgrau und die vielen Glasflächen reflektieren die Umgebung in verzerrten Spiegelungen. Rund herum stehen hohe Laubbäume, die in frischem Grün leuchten, obwohl es Nacht ist. Das Haus, besteht aus zwei Ebenen mit jeweils einem großen Zimmer.
Sie steht im unteren Raum und ihr Blick geht hinaus durch die geöffnete Tür über den Vorgarten auf den gegenüber liegenden Platz. Es ist ein mit Pflastersteinen geebneter, relativ kleiner Marktplatz, um den alte und moderne Häuser stehen, die alle nicht höher als vier Stockwerke in die Vertikale reichen. Nur ein Augenblick, in dem sie wahrnimmt, dass der Platz überfüllt ist mit Menschen. Eine schwarze Masse. Sie dreht sich um, legt eine Schalplatte auf und führt die Nadel behutsam in die richtige Position. Es knistert leise und der ganze Raum wird mit Tönen gefüllt. Die Musik ist ruhig, nicht herausfordernd, beschreibend. Die schwarze Masse. Mit der Musik im Kopf und einer schweren, feuchten Ahnung im Magen verlässt sie das Haus und geht durch den Garten auf den Platz.
Es ist Nacht und die Laternen vor den Häusern tauchen die Szene in ein gelblich-schwarzes Licht. Diese vielen Menschen. Dort in einer Seitenstraße sieht sie ihre Mutter stehen. Ihre ganze Familie, alle suchenden Blickes, winken sie zu sich. Während sie auf die Verwandten zugeht, fährt eine Hand ihr drohend über den Rücken. Die Musik wird leiser, aber auch unendlich. Die Leute um sie herum laufen und stehen, wechselt keine Worte, nur nervöse Blicke. Mantelkragen werden hochgeklappt, Taschen und leichtes Gepäck an sich gedrückt und gewartet. Alle warten. Worauf? Sie erreicht ihre Familie, schnelle Umarmungen. Es gilt, keine Zeit zu verlieren. Und dann ist auch sie ganz im Strudel des Moments eingetaucht, der alle mit sich zieht. Jetzt geht es ganz schnell. Von irgendwoher ertönt eine laute Stimme. Ja, jetzt beginnt es, fühlt sie und alle rennen, stürmen in eine Richtung. Sie ruft ihrer Familie zu, dass man sich gleich wieder sehen werde, vorher müsse sie noch etwas erledigen. Dann werde man wieder beisammen sein. Und im allgemeinen Verschwinden verliert sie ihre Mutter aus den Augen.
Als sie sich umdreht, sieht sie, dass zwei große Boote auf dem Marktplatz stehen, im dunklen Laternenschein sind sie nur spärlich zu erkennen und kaum von den Häusern abzugrenzen. Wer hat sie dort abgestellt? Fähren, gemacht für 50-70 Personen. Das Metall ist alt und schimmert kupfern vom Rost. Jeder versucht, sich auf eines der Boote zu drängen und einen Platz zu ergattern. Sie quetschen und rempeln sich an, um ihre Seelen zu retten. Vor was? Bevor auch sie für ihren schmalen Körper einen Platz auf einem der Boote sichert, muss sie noch Geld holen. Es ist wichtig, dass man genug Geld dabei hat, man weiß ja nicht, was passiert.
Sie geht an den Fähren vorbei. Sieht Menschen, die hektisch ihre Kreditkarten in unzählige Automaten stecken, Pin-Nummern eintippen und Geld aus den schmalen Mündern der Geräte ziehen. Sie stellt sich an. Vor ihr stehen mindestens fünf andere Ungeduldige. Da sind immer drei Automaten nebeneinander an einer Wand befestigt, dahinter ebenfalls drei weitere Geldautomaten, die wiederum gegenüber einer weiteren Wand mit Geräten stehen. Während die anderen die Automaten bedienen und ihr Geld herausfordern, sieht sie, dass die Hinweistäfelchen an den Automaten und das Bedienmenü der Anzeige nicht in ihrer Sprache geschrieben sind. Ein zusätzlicher Zeitfaktor. Dann ist sie an der Reihe. Sie steckt eine ihrer Karten in eines der Geräte und wartet auf die Anweisungen auf dem Bildschirm. Sprache auswählen, ihre ist nicht dabei. Wie viel abheben? Alles. Der Automat fragt sie gar nicht danach. Nun soll sie ihre Pin eintippen. Sie tippt und Fehlermeldung. Auf dem Bildschirm flackern die Zahlen ihrer Nummer in einer falschen Reihenfolge auf. Hat sie sich vertippt? Also noch einmal Karte rein, wieder die falsche Reihenfolge. Jetzt ist sie nervös. Jemand drückt sie von hinten gegen den grauen Kasten, eine andere schaut aggressiv herüber. Ich habe mich nicht vertippt, denkt sie und wird von einem kleinen Mann zur Seite geschoben. Sie muss sich wieder anstellen, irgendwo an einen anderen Automaten, der funktioniert. Sie braucht doch Geld. Während sie von einer Automatenwand zur nächsten läuft, weiß sie, dass sie nicht mehr rechtzeitig drankommen wird. Überall waren schon unzählige andere und haben die Bäuche der Automaten geplündert. Sie werden bald leer sein. Wie ein Fisch in einem riesigen Schwarm lässt sie sich von der herrschenden Panik mitreißen, ein Meer aus Angst und Unwissenheit über die Zukunft, über die nächsten Stunden. Wie benebelt sammelt sie die Geldscheine ein, die andere in ihrer Eile vergessen oder fallengelassen haben und steckt sie in ihre Jackentaschen. Die Scheine sind sehr unterschiedlich, sie stammen aus allen Ländern der Welt und blühen, wie ein bunter Strauß, aus ihrer Tasche heraus. Alles ist auf einmal ganz langsam. Nein sie ist langsam, die Welt geht weiter. Da klingelt irgendwo in ihren Kleidern das Telefon: ihre Mutter. Sie seien bereits in Japan angekommen und sonst sei alles in Ordnung. Dann bricht das Gespräch ab. Weitere Informationen können nicht ausgetauscht werden von hier nach dort. Ich muss jetzt schnell ein Boot finden, denkt sie und von irgendwoher hört sie die plätschernden Klänge einer weit entfernten Musik.

Egon Schiele "Autumn Tree in the Wind"

Die Kakteen

Herr K. sitzt mit seiner Frau Sibille, dem Modell Sensibility von Homotec, im T-Shirt auf dem Balkon und stößt mit ihr auf das neue Jahr an. In den letzten zwei Jahrhunderten haben die Synoptischen Dienste der Gemäßigten Zone keine Temperaturen unter 22C° mehr vorhergesagt.
„Schau dir die Idioten an. Jedes Jahr kramen sie diese alten Dinger raus und jedes Jahr vergessen sie die wieder wegzuräumen. Das steht dann da bis Ostern.“
Herr K.`s Frau blickt hinunter in den 156. Stock auf den Balkon direkt unter ihnen. Wie eine Kletterpflanze rankt sich der Garden-Tower 950 Meter in den grauen Himmel und streckt dabei seine blätterartigen Plattformen spiralförmig versetzt von sich. Herr K. kann von seinem Balkon die Hälfte des unteren Balkons begutachten. Grelles Blinken unzähliger Lichterketten strahlt ihm entgegen, ein aufgeblasener Weihnachtsmann dreht seinen Kopf auf Grund des integrierten Bewegungssensors in seine Blickrichtung, winkt und wünscht ihm ein frohes Fest. Von Dezember bis April, wenn Herr K. das kommunikative Fenster mit einem Wisch öffnet, um nach seinen Kakteen zu sehen, wird er auf diese Weise von der Weihnachtsdekoration seines Nachbarn begrüßt. Er versucht es zu ignorieren. Er versucht die Unfähigkeit seiner Nachbarn zu ignorieren, sich nicht von der Vergangenheit trennen zu können und die deswegen ihre Wohnung jedes Jahr aufs Neue mit alten Kunststoffdekorationselementen verunreinigen.
Er wendet sich liebevoll seinen Pflanzen zu. Die Sprossen sind zylindrisch oder zu Platykladien abgeflacht und tragen häufig gut ausgebildete Rippen oder spiralig arrangierte Warzen. Kakteen gelten mit einem Alter von wenigen Millionen Jahren als relativ junge Pflanzen. In dieser geologisch gesehen kurzen Zeitspanne haben Kakteen eine schnelle Entwicklung zu extrem spezialisierten Pflanzen durchgemacht. Was Herr K. vor allem fasziniert, ist die Fähigkeit, in günstigen Klimaperioden Wasser speichern zu können und davon in Trockenperioden zu zehren. Diese Fähigkeit nennt man Sukkulenz, erklärt er seiner Frau. Sie nickt verständnisvoll.
Um den Tower herum breitet sich eine karge Landschaft aus. Das Beige des Sandes und das Grau der Fahrbahnen bildet einen Kontrast, der es dem Auge des Betrachters ermöglicht, Fixpunkte zu erfassen. Die Bahnen gehen strahlenförmig vom Tower in das scheinbar unendliche Beige und verlieren sich in der Krümmung des Horizontes. Es ist warm. Ein leichter Wind weht, doch es befinden sich keine Wolken in der Troposphäre. An solchen Tagen ist Andromeda so deutlich zu sehen, das man meint, die im Kern der Galaxy liegenden Sterne rot und blau leuchten zu sehen.

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Dasselbe

Du liegst rechts neben mir, ich außen. Der Blick geht zum Fenster hinaus auf das Dach einer Sporthalle über einige hohe Bäume in den Himmel. Die Zimmertür ist angelehnt. Wir schlafen ein. Die Zimmertür steht nun ein wenig weiter offen, sodass ein schwacher Lichtschein sich vorsichtig in das Zimmer schleicht. Ich soll das Licht ausmachen, sagst du und drehst dich zur Wand. Ich blicke weiterhin zur Tür. Der Lichtschein verschwindet. Jetzt ist es tiefdunkel im Zimmer. Die Augen müssen sich an die Dunkelheit gewöhnen. Da bewegt sich etwas von der Tür zum Bett. Jemand schreitet, nicht schnell nicht langsam, zu mir an die Bettkante und während dessen sage ich, da ist jemand. Du willst nachsehen, stehst auf und verschwindest durch die Zimmertür. Der, der jetzt neben mir steht, hebt seine Arme und legt sie über mein Gesicht, auf meinen Hals. Ich gleite aus seinen Händen in die Welt und sehe das leere Zimmer, die angelehnte Tür, keinen Lichtschein. Du liegst neben mir. Mein Blick bleibt gefangen im Raum, ich bin gefangen in diesem Zimmer. Die Welt ist eine andere, das Gefühl ist dasselbe. Ich bin die gleiche.

Magritte

Eine Frau

Sie geht eine Straße entlang. Eine schmale Straße in einer mittelgroßen Stadt im Westen Deutschlands. Die Bäume vor den Häusern sind fast kahl und vereinzelt hängen noch einige bunte Blätter an den Ästen. Die Farben wandeln sich von einem kräftigen Grün über Gelb und Orange hin zu einem leblosen erdigen Braun. Sie geht langsam und versucht nur geradeaus zu blicken. Das Gespräch lief gut. Es lief so gut, wie bei den letzten Malen, als sie sich um eine neue Stelle bei einer großen Firma bewarb. In sechs Jahren fünf solche Bewerbungsgespräche und aus allen war sie als Siegerin hervorgegangen. Irgendwie wunderte es sie, dass es jedes Mal so glimpflich abgelaufen war. Zugegeben, sie hatte von Mal zu Mal mehr Erfahrung und fühlte sich nicht mehr so unsicher. Aber dennoch versetzten die Wochen vorher ohne einen festen Job ihrem Selbstwertgefühl einen mächtigen Schlag, nach dem sie sich fühlte, als müsste sie mit Kleidung am Leib durch einen eiskalten See zum Ufer zurück schwimmen. Nun war es so, dass sie anscheinend jedes Mal am Ufer ankam und mit vollkommen trockenen Kleidern aus dem See stieg. Jetzt fühlte sie sich gut. Eine Last war von ihr genommen, die nächsten Wochen würde es aufwärts gehen. Endlich, dachte sie, würde alles gut werden, würde sie irgendwo ankommen und bleiben dürfen. Sie blickt einmal kurz in die weißen Wolken über sich und der frische Herbstwind wischt ihr gutes Gefühl fort und macht Platz für Vergangenes. Während sie nach rechts in eine weitere mit alten Villen bebaute Straße abbiegt, erinnert sie sich an früher.

Sie stand oft in der Küche ihres Elternhauses, die Mutter bereitete das Abendessen zu und ihr Vater würdigte sie keines Blickes. Ihre fast zehn Jahre jüngere Schwester saß am Küchentisch und las Zeitung. So ruhig und selbstsicher konnte nur ihre Schwester mit dem Vater an einem Tisch sitzen. Sie selbst wurde von der Kälte des Vaters an die Wand gepresst. Sie stand und beobachtete, wie ihre Mutter mit einem einigermaßen stumpfen Schälmesser die kleinen braunen Augen aus den gerade geschälten Kartoffeln puhlte. Sie hasste es, wie ihre Mutter in dieser pedantischen Art die Kartoffeln schälte. Und sie hasste ihre Mutter dafür, dass sie nie Stellung bezog. Wann immer es Streit gab, zwischen ihr und ihren Geschwistern oder ihr und ihrem Vater, zog sich die Mutter zurück. Entweder verschloss sie ihr Herz ganz fest oder verlies schon vor Geschrei und Handgreiflichkeiten den Raum. Auf ihre Mutter konnte sie nicht zählen, wenn der Vater sie für ihren Ungehorsam bestrafte. Dabei waren die Schläge nicht schlimm, die konnte man aushalten. Was wirklich an ihrer Substanz nagte, war der ständige Wechsel von einem freundschaftlichen fast intimem Vertrauensverhältnis und bei nicht Erfüllung der väterlichen Vorstellungen die eiskalten Blicke und die Ignoranz gegenüber ihrer Existenz. Mit der Mutter hatte der Vater nie Streit. Die Rollen waren klar aufgeteilt und jeder ging darin auf. Allein die kleine Schwester hatte den vollen Respekt des Vaters. Wie hatte sie das geschafft. Aber eigentlich wusste sie es. Einerseits war es so, dass sie als Erstgeborene einfach Pech gehabt hatte. Die Erwartungen an sie als erste, die den elterlichen Vorstellungen und Wünschen zu entsprechen hatte, waren bei den folgenden Kindern nicht mehr so stark ausgeprägt gewesen. Ihre kleine Schwester hatte vom Vater somit eine echte Chance bekommen. Die Chance sich zu behaupten, ihm die Stirn zu bieten, ohne Furcht davor, am Ende des Tages allein sein zu müssen. Und andererseits, hatte die kleine Schwester ihren eigenen Kopf, den sie durch Beharrlichkeit und Konfrontation einzusetzen wusste. Der Vater hatte keine andere Möglichkeit, als dieses kleine Energiebündel zu akzeptieren und ihm gebührenden Respekt zu zollen. Deswegen saßen die beiden nun ganz entspannt am Küchentisch und sie, die große Schwester, stand regungslos neben der Mutter. Damals wusste noch keiner von ihnen, dass der hart umkämpfte Respekt des Vaters sich nur einige wenige Jahre vollends würde zeigen können.

Die kleine Schwester lief eines Sommernachmittages auf dem Weg von der Schule nach Hause, wie üblich an der Pferdekoppel hinter dem Sportplatz vorbei. Das Wetter war schön und sie wollte noch nicht so schnell nach Hause. Also ging sie ganz nah am Zaun der Koppel entlang und schnalzte laut mit der Zunge, um vielleicht das ein oder andere Pferd anzulocken, damit sie es streicheln konnte. Schon kamen zwei große braune Hengste zum Zaun gelaufen. Sie waren anmutig in ihren Bewegungen und in ihren Augen blitzte es unberechenbar. Das kleine drahtige Mädchen stieg über den Zaun, lies die Tasche auf der anderen Seite am Wegesrand liegen. Sie sah dem Tier ganz fest in die großen schwarzen Augen und fühlte, wie das Adrenalin sie durchströmte und war sich ihres Mutes bewusst. Als sie mit ihrer Hand langsam vom Maul über die Nüstern hin zu der langen Mähne des Pferdes streichen wollte, musste sie reflexartig einen kleinen Schritt nach vorn machen. Dieser kleine Schritt schreckte das Pferd auf und es biss zu. Durch die ungünstigen Haltung, die das Mädchen eingenommen hatte, um das Pferd zu streicheln, lag das Maul des Pferdes fast genau auf ihrer Schulter. Die Pferdezähne also, gerieten genau in den Hals des Mädchens und ehe irgendjemand sie dort auf der Wiese fand, war sie verblutet. Ihre kleine Schwester wurde vierzehn Jahre alt. Auf der Beerdigung war nur die Familie anwesend. Als der Pfarrer mit der Predigt fast fertig war und sie alle um sich herum weinen und schluchzen hörte, merkte sie, wie sich auch ihr Mund verzog und die Gesichtsmuskeln anspannten, aber sie weinte nicht. Sie fing an zu lachen. Es war ein lautes unerhörtes Lachen, das aus ihrer Brust in die Kapelle schwappte.

Während sie die Straße entlang läuft und sich daran erinnert, fragt sie sich, warum sie so viel Glück in ihrem Leben hatte. Zwar kämpft sie bis heute mit ihrem Vater um Anerkennung, aber sie durfte studieren, Menschen kennen lernen, hatte große Lieben und kleine Affären gehabt und ihre vier erwachsenen Kinder lebten alle ein selbstständiges Leben. Sie hat eigentlich nichts zu beklagen und doch kommt sie immer wieder in Situationen, in denen sie strauchelt und mit letzter Kraft wieder ans Ufer schwimmen muss. So viel Kraft hat sie schon für ihr Leben aufgewendet, man könnte meinen, sie sei ein Kraftwerk. Außer ihrer eigenen Kraft war da aber noch etwas anderes am Werk, denkt sie. Seit einigen Monaten geht sie wieder regelmäßig in die Kirche. Sie macht bei Gottesdiensten mit, hilft Gemeindefeiern vorzubereiten oder nimmt der Küsterin einige kleine Aufgaben ab, wie das Auf- und Zuschließen der Kirche. Sie vertraut sich selbst nicht und der Glaube an einen großen Beweger beruhigt sie. Er bringt alles auf den rechten Weg, denkt sie sich, holt den Schlüssel aus ihrer Tasche, öffnet die Haustür und geht in ihre Wohnung.